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29. Februar 2016 | Interview zum ehemaligen Thurgauer Statthalter
Moser: „Eine Raggenbass-Strasse ist nicht gerechtfertigt“
http://www.tmw-kn.com/blog/wp-content/Artikel/2016/02/a-moser.jpgKreuzlingen/Konstanz (uok) Für den Historiker Arnulf Moser (Bild) ist der frühere Kreuzlinger Statthalter Otto Raggenbass (1905-1965) ein „selbsternannter Held“. Er verdiene es nicht, durch die Benennung einer Strasse in Konstanz besonders hervorgehoben zu werden. Als das untere Strassenstück der Schwedensschanze entlang der Grenze zu Kreuzlingen 1968 in Otto-Raggenbass-Strasse umbenannt wurde, geschah dies, um die Verdienste des früheren Kreuzlinger Bezirksstatthalters um die kampflose Übergabe von Konstanz an die heranrückenden Franzosen im Frühjahr 1945 zu würdigen. Tatsächlich gab es dafür anscheinend keinen Grund. Mit Arnulf Moser sprach der Schweizer Journalist Urs Oskar Keller. Anlass für das Interview ist ein neues Buch der Reihe „Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“, herausgegeben von Wolfgang Proske, das im deutschen Kugelberg-Verlag erschienen ist.
Die harte Haltung des Statthalters
Ein Beitrag des Buches, das sich mit der Bodenseeregion im Dritten Reich beschäftigt, stammt von Arnulf Moser. Konstanzer Initiativen und Kommunalpolitiker fordern seit Jahren, die Umbenennung der ehemaligen, unteren Schwedensschanze rückgängig zu machen, und zwar vor allem wegen der harten Haltung des früheren Kreuzlinger Statthalters während des Dritten Reiches gegenüber jüdischen Flüchtlingen. - Nachfolgend das Interview mit Arnulf Moser.
URS OSKAR KELLER: Herr Dr. Moser, Sie kennen als ausgewiesener Historiker die Akten zum umstrittenen früheren Statthalter von Kreuzlingen, Otto Raggenbass (1905-1965), wie kaum ein Anderer. Haben Sie neue Dokumente und Fakten zur Causa Raggenbass gefunden, die eine Rücknahme der 1968 erfolgten Umbenennung der unteren Schwedenschanze in Otto-Raggenbass-Strasse angezeigt sein lässt?
>ARNULF MOSER: Seit dem Kreuzlingen-Buch von 2001 mit dem Beitrag von Reto Wissmann zu Raggenbass sind keine neuen Dokumente aufgetaucht.
Ist es – nach Ihrem heutigen Wissensstand – gerechtfertigt, dass es die Otto-Raggenbass-Strasse vom deutschen Hauptzollamt von Konstanz-Kreuzlingen bis hinab zur Wiesenstrasse noch gibt?
Eine Otto-Raggenbass-Strasse ist nicht gerechtfertigt. Seit 1968, dem Jahr der Strassenumbenennung, hat sich die Bewertung der Rolle des damaligen Kreuzlinger Bezirksstatthalters bei der Besetzung der Stadt Konstanz 1945 geändert, vor allem sehr reduziert.
Mit Ihrer Expertise zu den Konstanzer Strassennamen haben Sie dem Konstanzer Gemeinderat 2010 unter anderem nahe gelegt, die Umbenennung der unteres Schwedenschanze in Otto-Raggenbass-Strasse zurückzunehmen. Nur in einem einzigen Fall, dem Wilhelm-von-Scholz-Weg, wurde eine vorgeschlagene Änderung (der Scholz-Weg heisst jetzt „Zur Therme“) veranlasst. Warum blieben Ihre Arbeiten zur „Causa Raggenbass“ bislang ohne Folgen?
Der Ausschuss des Konstanzer Gemeinderats für Strassenbenennungen, der meinen Vortrag von 2010 bei seinen Unterlagen hat, hat dem Gemeinderat keinen Vorschlag zur Umbenennung unterbreitet.
Falls doch noch eine Umbenennung kommt, welche Persönlichkeit hätte aus Ihrer Sicht einen solchen Strassennamen heute verdient? Georges Ferber beispielsweise? Der französische Offizier war massgeblich am Wiederaufbau des kulturellen Lebens in Konstanz nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt.
Die Raggenbass-Strasse sollte nicht an Georges Ferber gehen. Ferber taugt nicht als Namensgeber für einen Wanderpokal, den man weiterreichen kann, bis ihn irgendwann die Bewohner einer Strasse akzeptieren. Georges Ferber wird eine Strasse in einem Neubaugebiet bekommen. Ich bin dafür, dass der Konstanzer Gemeinderat den Beschluss von 1968 aufhebt. Die Strasse kann dann wieder Schwedensschanze heissen. Diese Benennung hat einen konkreten Bezug zur Konstanzer Stadtgeschichte.
Konnten Sie auch in Frankreich Dokumente zum Fall Otto Raggenbass einsehen oder sind diese noch gesperrt?
Das Archiv der französischen Besatzungszone, früher in Colmar, jetzt in Paris, hat mitgeteilt, dass es keine Unterlagen zu Raggenbass hat. Das Archiv des französischen Aussenministeriums hat 1996 erklärt, ich könne gerne kommen; es hat aber nicht spezifiziert, was dort vorhanden ist. Ich bin nicht hingefahren.
Mit dem Hinweis darauf, dass in Frankreich viele Archive noch nicht frei seien, hat Otto Raggenbass‘ Sohn, der Jurist und Benenediktinermönch Niklas Raggenbass, vor voreiligen Beurteilungen gewarnt. Was sagen Sie dazu?
Natürlich ist meine Position einseitig. Ich versuche nachzuweisen, dass Raggenbass als Namensgeber für eine Strasse in Konstanz nicht geeignet ist. Welche Verdienste sich der Bezirksstatthalter für den Kanton Thurgau oder den Kreuzlinger Bezirk erworben hat, können andere besser beurteilen. Meines Wissens gab es nie einen Vorschlag in Kreuzlingen für eine Raggenbass-Strasse. Aus einem Dossier der Schweizer Bundesanwaltschaft erschliessen sich auch charakterliche Probleme, die einer solchen Ehrung entgegenstehen. Das alles ist bereits im Kreuzlingen-Sammelband von 2001 bei Reto Wissmann nachzulesen.
Obwohl der Grenzzaun für Zivilisten noch geschlossen war, luden Kreuzlinger Familien auf die Initiative von Frieda Sigrist (1888-1979) im Winter 1946/47 Konstanzer Kinder zweimal pro Woche zu einem Mittagessen ein. War Raggenbass nicht auch an der Schulspeisung von Kindern aus Konstanz beteiligt?
Es gibt in Konstanz seit einiger Zeit einen Weg, der nach Frieda Sigrist benannt ist, und zwar beim Humboldt-Gymnasium, von der Unteren Laube zur Schottenstrasse. Ich denke, Raggenbass hatte mit der Kinderspeisung nichts zu tun.
Im April 1945 engagierte sich Statthalter Raggenbass – nach seinen eigenen Aussagen – als (geheimer) Vermittler zwischen den französischen und deutschen Truppen im Schweizer Hotel Trompeterschlössle im Tägermoos. Er soll so für eine friedliche Übergabe der Stadt Konstanz an die Allierten gesorgt haben.
Ich verweise auf das Buch von Lothar Burchardt, dem emeritierten Professor für Geschichte der Neuzeit an der Bodenseeuniversität und an den von ihm verfassten Band 5 zur Geschichte der Stadt Konstanz. Raggenbass wird dort gar nicht mehr erwähnt im Zusammenhang mit der kampflosen Übergabe der Stadt.
Raggenbass soll 1944 den von der Gestapo verfolgten Berliner Halbjuden Auerbach, der von der Insel Reichenau nach Ermatingen geschwommen war, an das Deutsche Reich ausgeliefert haben. Bereits 1938 soll er als neuer Bezirksstatthalter verfügt haben, dass jüdische Schulkinder aus Konstanz künftig nicht mehr in Kreuzlinger Schulen ausweichen durften. Was ist dazu heute zu sagen?
Da sollte man auch auf die politische Grosswetterlage der damaligen Zeit schauen. So hat zum Beispiel das Grenzwachtkommando des II. Schweizer Zollkreises in Schaffhausen Ende Juli 1944 festgelegt, dass Flüchtlinge, die an Rhein und Bodensee schwimmend oder mit Boot über die Grenze in die Schweiz kämen, “über die ,trockene’ Grenze bei Kreuzlingen” auszuschaffen seien.
Ende 1945 verweigerte Raggenbass kraft seines Amtes einigen Juden aus Konstanz die Einreise zu einer Gedenkfeier in Kreuzlingen für die Toten des Konzentrationslager Bergen-Belsen. Fanden Sie dazu Beweise?
Die Episode mit der Einreisesperre für Juden nach Kriegsende steht in dem Kapitel Raggenbass von Reto Wissmann in dem Kreuzlingen-Buch von 2001. Quelle ist ein Protokoll der Israelitischen Gemeinde Kreuzlingen vom 12. Januar 1946.
Otto Raggenbass wurden gute Beziehungen zur Gestapo, der Geheimen Staatspolizei des nationalsozialistischen Regimes, nachgesagt. Sind diese Vermutungen zutreffend, bewiesen und aktenkundig?
Raggenbass hat wohl zu allen deutschen Dienststellen zwischen 1938 und 1945 Kontakte gehabt. Aber von einer Kooperation mit der Gestapo kann man nicht sprechen. Wegen der monatelangen Grenzsperre von 1945 kam es im November des Jahres zu Kontakten zwischen dem Polizeidienst der Schweizer Bundesanwaltschaft und der Sécurité Militaire der französischen Besatzungsmacht wegen „Gehilfenschaft bei illegalem Grenzübertritt von deutschen Offizieren in die Schweiz“.
1964 hat Raggenbass das Buch „Trotz Stacheldraht 1939 –1945“ herausgegeben. Raggenbass selber schreibt, es sei auf Wunsch der Stadtbehörden von Konstanz, des Kreuzlinger Stadtammanns Alfred Abegg „sowie zahlreicher anderer Persönlichkeiten“ entstanden. Das Buch präsentiert eine Reihe von Dokumenten und Fotos. Aber wichtige Akten, wie Ermittlungsakten der Kantonspolizei Thurgau aus den Jahren ab 1938, blieben verschwunden.
Ich habe 1997 im Staatsarchiv in Frauenfeld Flüchtlingslisten der Thurgauer Kantonspolizei aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden und darüber publiziert.
Es ist leider so, dass grosse Teile der Thurgauer Polizeiakten nicht mehr vorhanden sind. Offenbar sind sie um 1958 zumindest teilweise vom damaligen Chef des Polizeikorps, Ernst Haudenschild, vernichtet worden. Können Sie das bestätigen?
Was die Aktenverluste anbelangt, geht es nicht nur um die Akten der Kantonspolizei, die der Kommandant Ernst Haudenschild verbrannt hat, sondern auch um die Akten des Bezirksamtes Kreuzlingen, die Raggenbass hat verschwinden lassen. Interessant ist in diesem Zusammenhang das Buch von Ernst E. Abegg „Geschichte der Kantonspolizei Thurgau“, das 2014 im Huber-Verlag in Frauenfeld erschienen ist. Darin heisst es, der Leiter der Eidgenössischen Fremdenpolizei habe die Kantone seinerzeit aufgefordert, in der Flüchtlingsfrage „die extremen Haltungen des Thurgaus zu vermeiden“. Das Buch ist mit Unterstützung der Kantonspolizei herausgebracht worden und lässt an Otto Raggenbass kein gutes Haar.
Bild: Urs Oskar Keller

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