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Ungeschönte Geschichte gesucht. Aus einem Interview mit Dr. Wolfgang Proske über das Buchprojekt "Täter Helfer Trittbrettfahrer"

Woher kommen Ihre Informationen?
"Die Erkenntnisse gehen im Wesentlichen zurück auf Staatsarchive wie das von Ludwigsburg, wo die meisten Informationen zu holen sind. Und als Standard auf das Bundesarchiv in Berlin. Die lokalen Archive sind in der Regel gesäubert und deswegen meist weniger interessant. Immer wichtiger werden inzwischen ausländische Archive. Dazu kommt natürlich die einschlägige Fachliteratur."

Welche Rolle spielen Zeitzeugen?
"Eine geringe. Wir interviewen Zeitzeugen nur dann, wenn es keine Unterlagen zu finden gibt."

Sind die Aussagen von Zeitzeugen zu subjektiv für diese Arbeit?
"Nach meinen Recherchen können sich Zeitzeugen oft nicht mehr richtig erinnern. Man kann nach 50, 60, 70, 80 Jahren vieles gar nicht mehr wissen. Und wenn wir uns erinnern, dann so, dass es passt, dass wir damit leben können. Es ist also unsere subjektive Verarbeitung des Geschehens, aber nicht das möglichst objektiv wahrgenommene Geschehen selbst. Die Quellen sind viel näher dran, weil sie unverstellt aus ihrer Zeit kommen."

Und wenn diese schriftlichen Quellen gar nicht die Realität abbilden?
"Das ist natürlich immer möglich, denn man kann bewusst in die Irre führen wollen. Da gibt es zum Beispiel verschleiernde Worte wie "evakuieren" oder "verlegen", wenn Leute verschwinden. Gemeint ist damit meist, dass Menschen ermordet werden. Und wenn z.B. in der Sowjetunion massenhaft Juden erschossen wurden, steht in den Quellen oft, sie seien Partisanen gewesen. Man muss im Ergebnis also immer auf die Plausibilität von Aussagen achten und nach dem verbindenden `roten Faden´ suchen."

Erfassen Sie nur die Lebensgeschichte während der NS-Zeit?
"Wir legen Wert darauf, zu sehen, wie diese Leute nach ´45 lebten. Haben sie dazugelernt? Die meisten wurden ja nie bestraft. Oder wenn, dann oft mit lächerlich geringen Strafen. Viele von ihnen sind zeitlebens autoritär geprägte Charaktäre geblieben, mit allen Folgen. Ehrlich bereut haben die wenigsten. Inzwischen sind sie alle verstorben. Wann, wenn nicht jetzt soll man ihre Biografien verfassen?"
(Fragen von Anja Müller, in: Gmünder Tagespost, 24.1.2015)


Wenn Verschweigen zur Schuld wird


"Wolfgang Proske ... und Frank Raberg ... geht es um Vergangenheitsbewältigung. Doch ihr Ansatz ist neu, anders zumindest als gewohnt. Nicht die Opfer der NS-Verbrechen haben sie im Fokus. Auch nicht die wenigen Widerstandskämpfer gegegn Hitler und den Nazi-Terror. Sie rücken die Täter in den Mittelpunkt. Nicht die bekannten Größen, die an der Spitze des Regimes standen, die vielen Täter, Helfer und Trittbrettfahrer, ohne deren zutun kein Hitler, kein Himmler und kein heydrich ihren mörderischen unrechtsstaat hätten realisieren können. Und sie nennen diese Täter beim Namen..." (Barbara Griesinger, in: Hohenloher Zeitung, 15.11.2014)


Die Sprache des Verbergens

"In Proskes Augen ist mit der Wehrmachtsausstellung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes in Deutschland etwas ins Rollen gekommen: der Begriff „Täterforschung" rückte erstmals richtig ins Blickfeld. Scheinbar plötzlich kam heraus, dass „ganz: normale Männer" (Titel eines etwa zeitgleich erschienenen Meilensteins in der Täterforschung) beinahe täglich und in allen von den Nazis okkupierten Ländern in Kriegsverbre-chen oder Verbrechen gegen die Menschlichkeit verstrickt waren. Die Schuld ließ sich immer weniger an „die da oben" abwälzen. ... Der mittlerweile dritte Band von „Täter Helfer Trittbrettfahrer - NS-Belastete aus dem östlichen Württemberg" liegt jetzt vor." (Holger Scheerer, in: Heidenheimer Zeitung / Heidenheimer Neue Presse, 30.5.2014)

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Menschen, keine Monster

„Täter, Helfer, Trittbrettfahrer“ heißt eine Buchreihe, die Dr. Wolfgang Proske herausgibt und deren dritter Band jetzt in Crailsheim vorgestellt worden ist. Darin geht es um Menschen und ihre Schuld in der NS-Zeit.

Monster sind nicht das Thema. Monster gibt es nicht. Aber Menschen können Monströses vollbringen – zumal dann, wenn eine Ideologie, ein Staat, ein System an das Schlechteste in ihnen appelliert. Im Nationalsozialismus war es so. Millionenfachem Leid steht millionenfache Schuld gegenüber. Mancher ließ nur geschehen, anderer sorgte dafür, dass geschah. Die Täter, die Helfer und die Trittbrettfahrer in Hitlers „Drittem Reich“ waren zahlreich und sie kamen nicht einfach von irgendwo her, sondern auch aus den Dörfern, die wir kennen, in denen heute das HT in den Briefkästen liegt und damals der „Fränkische Grenzbote“ oder der „Vaterlandsfreund“.

Dr. Wolfgang Proske hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, lokale NS-Täter aufzuspüren, bekannt zu machen, ihre Geschichten festzuhalten.
Drei Bände sind nun bereits erschienen, weitere sollen folgen – bis Biografien aus ganz Baden-Württemberg zusammengetragen sind. „Es geht dabei nicht um ein Vorführen oder gar eine Denunziation“, machte der Crailsheimer Stadtarchivar Folker Förtsch bei der Vorstellung des neuesten Proske-Bandes im Crailsheim „Forum in den Arkaden“ deutlich. Es gehe vielmehr darum, aufzuzeigen, wie Menschen zu Tätern werden – und dass all das gar nicht so weit weg ist, wie man es manchmal vielleicht gerne hätte. „Beunruhigend“ sei das, betonte Förtsch.
Schade, dass sich trotzdem nur recht wenige – und kaum junge – Menschen für die Buchvorstellung interessierten, bei der neben Proske
mit Frank Raberg und HT-Redakteur Harald Zigan auch andere Autoren von Beiträgen in dem Band kurz referierten. Raberg schreibt unter anderem über Friedrich Schmidt, einen der führenden, frühesten und fanatischsten Nationalsozialisten aus dem Hohenlohischen. Geboren
1902 in Wiesenbach, war er bereits 1923 an der Gründung der NSDAPOrtsgruppe Blaufelden beteiligt. Er brachte es später zum Stuttgarter
Stadtrat, zum Landtags- und Reichstagsabgeordneten und zum stellvertretenden Gauleiter. Von 1937 an stand er an der Spitze des NS-Hauptschulungsamtes. Kein anderer Nazi in Württemberg war ein so überzeugender Redner wie er, der „Trommler der Bewegung“.

Anders gelagert ist die Schuld des Reichsbahners Adolf Barthelmäs aus Schrozberg, der von 1939 bis 1945 Vorsteher der Güterbahnhofs
in Auschwitz war (das HT berichtete). Proske beschäftigte sich mit ihm, wobei dem Historiker nach eigenem Bekunden „die Spucke wegblieb“
ob der kaltschnäuzigenUnbeteiligtheit, die Barthelmäs in späteren Aussagen an den Tag legte. Und dann ist da beispielsweise noch August Häfner, über den Zigan schreibt, und der an der tausendfachen Hinrichtung ukrainischer Juden beteiligt war. Später hatte er eine Weinhandlung in Hall. Er starb 1999 in Eckartshausen. Förtsch übrigens hat Häfner einst im Haller Stadtarchiv kennengelernt und beschreibt ihn als „äußerst liebenswürdigen Mann“. Es geht eben, wie gesagt, nicht um Monster, sondern um Menschen. Das verstört immer wieder aufs Neue – macht die Lektüre des Buches aber umso wichtiger. (Sebastian Unbehauen, in: Hohenloher Tagblatt, 29.3.2014).

 

>Pressebericht im Original ansehen.

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„Bezettelt und abgefertigt“
Adolf Barthelmäs – in Auschwitz für alle Deportationszüge verantwortlich

Ihr Onkel Adolf sei ein „weicher und gutmütiger Mann“ gewesen. Eigentlich habe er keiner Fliege etwas zuleide tun können; er sei wegen seiner
umgänglichen Art sogar ihr „Lieblingsonkel“ gewesen. Das sagt seine heute 87-jährige Nichte, die sich gut an den 1900 in Schrozberg geborenen, 1976 in Stuttgart verstorbenen Adolf Barthelmäs erinnert. Als Eisenbahnbeamter war er von Oktober 1939 bis zum Januar 1945 Vorsteher des Güterbahnhofs Auschwitz. Von dort aus waren im „Dritten Reich“ über eine Million jüdischer Männer, Frauen und Kinder ihrer Vernichtung im Konzentrationslager zugeführt worden.

Diese Arbeit versah Barthelmäs jahrelang ohne Widerspruch und angesichts der Dauer von fünfeinhalb Jahren offenkundig auch zur Zufriedenheit seiner Vorgesetzten. Es gibt heute keine Hinweise, dass Barthelmäs je ernsthafte Zweifel an seiner Arbeit gekommen sein könnten. Als man ihn 1967 beim Landeskriminalamt in Stuttgart zweimal als Zeuge vernahm, verkaufte er sich als pflichtbewusster, völlig harmloser Beamter. Mit allem, was innerhalb des KZ geschehen sei, habe er nichts zu tun gehabt, denn seine Dienststelle lag ja außerhalb
der Zäune. Er ist seinerzeit damit problemlos durchgekommen.

Adolf Barthelmäs hatte von 1906 bis 1914 die Volksschule in Schrozberg und danach bis 1917 die Verkehrsbeamtenschule in Mögglingen
bei Schwäbisch Gmünd besucht, die er mit Abitur verließ. 1918 wurde er Eisenbahner. Am 6. Oktober 1939 versetzte man ihn an den Bahnhof Auschwitz, wo er bis 1945 als Oberinspektor amtierte. Nach dem Krieg arbeitete er im Hauptbahnhof Nürnberg, wo er 1965 pensioniert wurde.
In Auschwitz gehörte es zu seinen dienstlichen Aufgaben, mehr als eine Million in Waggons verstaute Juden störungsfrei auf den letzten Teil ihrer Todesreise zu schicken. Er hatte dafür zu sorgen, dass ankommende Deportationswaggons auf ein Nebengleis gelenkt und an eine neue Lokomotive gehängt wurden, um anschließend über 1937 Meter hinweg imKonzentrations- und Vernichtungslager Birkenau einzufahren. Drei oder vier Bahnbedienstete begleiteten den Zug dabei. Oft wurden sie Zeugen, wie die Insassen aus den Waggons getrieben und zur Selektion
geführt wurden. Bereits nach wenigenMinuten kehrten die entleerten Waggons zurück, die schließlich noch von Zwangsarbeitern gereinigt wurden. Auch wenn er persönlich bei den „Ausladungen nie zugegen“ gewesen sein will, wusste er doch zu berichten, dass in jedem Wagen etwa 60 Personen untergebracht waren. Die geschätzte Zahl der Insassen der Waggons war, wie sein Stellvertreter Wilhelm Hilse beim Auschwitz-Prozess 1964 als Zeuge angegeben hatte, „wichtig für die Abrechnung“, also die Ermittlung der Transportkosten. Originalton Barthelmäs 1967: Nach ihrer „Entladung auf der Rampe im Lager“ seien die Wagen „vom Rangierdienst herausgezogen und zur Entseuchung
bezettelt und abgefertigt“ worden.

Als der ihn vernehmende Kriminalkommissar von Barthelmäs wissen wollte: „Stand den Opfern in den Waggons eine Toilette zur Verfügung?“,
entgegnete der Ex-Reichsbahner: „Die Juden waren in geschlossenen Güterwagen untergebracht, in denen bekanntlich keine Klosette eingebaut sind. Inwieweit möglicherweise Fäkalienkübel in den einzelnen Waggons aufgestellt waren, ist mir nicht bekannt.“ Zur Verpflegung der Menschen in den Zügen und über die Dauer der Transporte gab er an: „Was auf dem Transport geschah, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn ich aber nach meiner Meinung gefragt werde, so muss ich sagen, dass es technisch kaum möglich gewesen sein wird, die in den einzelnen Güterwagen zusammengepferchten Personen ordnungsgemäß zu versorgen. Wenn ich gefragt werde, wie lange ein Transportzug von seinem Ausgangsbahnhof bis nach Auschwitz unterwegs war, so schätze ich, dass ein Transport von Frankreich nach Oberschlesien etwa vier Tage gedauert haben dürfte.“ Adolf Barthelmäs war sich völlig darüber im Klaren, dass bereits während der Fahrt viele Menschen die Strapazen nicht aushielten. Dazu urteilte er betont distanziert: „Wie schon erwähnt, dürfte die Todesursache der unterwegs verstorbenen Personen in der damals herrschenden großen Hitze gelegen haben. Im Winter dürfte Kälte die Todesursache gewesen sein. Ich habe nicht beobachtet, dass Öfen installiert waren. Auch dürfte die unzulängliche Unterbringung Grund für das Sterben auf dem Transport gewesen sein. Ich habe einmal einen Leerzug angesehen. Dabei musste ich feststellen, dass der Wagenboden etwa 10 cm mit Menschenkot und Unrat bedeckt war. Diese Beobachtung erfolgte von der Türe aus, ohne den Wagen zu betreten.“

Adolf Barthelmäs wurde als NSDAP-Mitglied seit 1.Mai 1937 unmittelbar nach dem Überfall auf Polen ins besetzte Gebiet abkommandiert. Es ist nicht bekannt, dass er sich später um Versetzung an einen anderen Dienstort bemüht hätte. Aus der Unterlassung wurde insofern Teilhabe. Er residierte mit seiner Familie, so die Nichte, in einer „noblen Dienstwohnung“ mit „fünf bis sechs Zimmern“ und einer „polnischen Frau als Haushaltshilfe“. Dabei seien, so der Auschwitzüberlebende Hermann Langbein, die Flammen „15 bis 20 Kilometer weit“ zu sehen gewesen. Und alle vor Ort wussten, dass Menschen verbrannt wurden; an seinem Fenster habe Barthelmäs „süßlichen Geruch und bläuliche Farbe“ bemerkt. Trotzdem erklärte er noch 1967 gegenüber den Beamten des Landeskriminalamtes, „kein persönliches Interesse“ an einer weiteren
Klärung des Schicksals dieser Menschen gehabt zu haben.

Die Historikerin Sybille Steinbacher schrieb 2004 in ihrem Buch „Auschwitz. Geschichte und Nachgeschichte“ über derlei Kaltschnäuzigkeit: „Gleichgültigkeit ließ die Eisenbahner ihre mörderische Zuarbeit routiniert verrichten. Aus Gehorsam und auch geprägt von der pedantischen Präzision ihres Berufes ließen sie Zweifel am eigenen Tun nicht zu. Dass die Last, von der systematischen Tötung zu wissen, nicht nach Konsequenzen rief, zeigt: Mit dem Massenmord konnte man sich arrangieren.“ Die Bahn verdiente mit beim Massenmord. Sybille Steinbacher schreibt dazu: „Die Reichsbahn ließ sich die Fahrt wie herkömmliche Frachttransporte bezahlen. Das Geld stammte von denOpfern selbst, die eine Fahrkarte dritter Klasse für den Weg ins Todeslager kaufen mussten: pro Person für jeden Schienenkilometer vier Pfennige, für Kinder unter zehn Jahren zwei. Dass die Reichsbahn der SS Mengenrabatt gewährte – bei Transporten ab 1000 Personen galt der halbe Preis – und die Leerfahrten auf dem Rückweg gratis waren, gehört zu den atemverschlagenden Details der Organisation des Massenmords.“ Bei Adolf Barthelmäs, dem unterstellt werden kann, über diese und andere Details gut informiert gewesen zu sein, reichte das alles laut seiner Nichte nur für Selbstmitleid im Familienkreis: „Wenn wir das mal büßen müssen, was wir hier machen, dann geht es uns ganz schlecht.“ Dabei wurde ein Sechstel (!) aller beim Holocaust ermordeten Juden im Laufe der Auschwitzer Dienstzeit des Adolf Barthelmäs über seine Dienststelle und durch sein Zutun der Vernichtung zugeführt.

Dass dieser Mann nie zur Verantwortung gezogen wurde, ja dass er bis heute völlig unbekannt ist, belegt, wie viel historische Forschungsarbeit über denNationalsozialismus noch immer zu leisten ist. (Hohenloher Tagblatt, 21.3.2014)

>Pressebericht im Original ansehen.

Der einzige Haller Kriegsverbrecher?

70 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs scheint die Aufarbeitung der lokalen NS-Geschichte längst nicht abgeschlossen. Lediglich ein Mann aus Schwäbisch Hall erlangte traurige Berühmtheit - zumindest bislang.

"August Häfner? Dem gehörte doch das Wein- und Spirituosengeschäft in der Gelbinger Gasse. Ein netter Herr ist das gewesen. Jemand, dem man so etwas nie zugetraut hätte." Einige ältere Haller können sich bei der Diskussionsrunde vergangene Woche im Hällisch-Fränkischen Museum noch sehr gut an jenen Mann erinnern, der über Jahrzehnte bis zu seinem Tod im Jahr 1999 ein "ganz normales" gutbürgerliches Leben führte.

Dass sich hinter der Fassade einer der größten Kriegsverbrecher Baden Württembergs verbarg, ist spätestens seit den 60er-Jahren allgemein bekannt. Und doch ist Häfners Kurzbiografie heute die einzige in der Reihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer", die sich mit einem Mann aus Schwäbisch Hall beschäftigt.

War Hall tatsächlich eine Stadt ohne überzeugte Nationalsozialisten, die während der NS-Zeit oder später in der Bundesrepublik Karriere machten? Und gab es außer August Häfner keine Wehrmachts- oder SS-Angehörige aus der Region, die im Zweiten Weltkrieg Verbrechen begingen? Wolfgang Proske, Herausgeber des Bandes "NS-Belastete aus dem östlichen Württemberg", hält das für unwahrscheinlich.

"Wir sollten uns der lokalen NS-Vergangenheit stellen", fordert Proske. Und betont: Jeder Geschichts-Interessierte könne mithelfen, dass mit Blick auf das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte die eigene Heimat nicht länger totgeschwiegen wird. Obwohl man derzeit vorrangig an den Bänden vier und fünf von "Täter Helfer Trittbrettfahrer" arbeite und dabei den Fokus auf Oberschwaben und Bodensee-Region lege, würden weitere Kurzbiografie-Autoren aus Schwäbisch Hall und Umgebung gesucht. Um am Buchprojekt mitarbeiten zu können, müsse man keineswegs Historiker mit Hochschulabschluss sein.

"Interesse an Geschichte ist die wichtigste Voraussetzung", sagt Proske. Allerdings müsse man viel Zeit und Idealismus mitbringen. Denn die Fahrt in Archive kostet Geld, die dortige Arbeit ist oft mühsam, da Akten schwer zugänglich sind oder ganz bewusst kurz nach Kriegsende verbrannt wurden. 200 Euro könne er jedem Autoren dank Sponsoren als Honorar anbieten - eher ein symbolischer Betrag.

19 Kurzbiografien haben den Weg in den aktuellen Band gefunden. Portraitiert werden unter anderem der Künzelsauer Friedrich Schmidt, der als stellvertretender Gauleiter Württembergs Karriere machte. Ebenso Martin Bormanns Adjutant Karl Kronmüller aus Heidenheim oder der Mörder der "Männer von Brettheim", Max Simon.

Und natürlich SS-Obersturmführer August Häfner. Als Teilkommandoführer des hinter der deutschen Ostfront in der Ukraine eingesetzten Sonderkommandos 4a der Einsatzgruppe C war der gelernte Küfer aus Schwäbisch Hall für die Ermordung tausender Juden verantwortlich. Autor Harald Zigan lässt mehrere Zeugen zu Wort kommen, die von Häfners Greueltaten im Jahr 1941 berichten. Deren Ausmaße sind damals wie heute unvorstellbar, die mitunter sehr detaillierten Schilderungen machen sprachlos.

So zählen die Ermordung von 90 Kindern bei Bjelaja Zerkow oder die Erschießung von 34000 Männern und Frauen in der Schlucht von Babyn Jar bis heute zu den größten Kriegsverbrechen der Menschheitsgeschichte.

GOTTFRIED MAHLING | 22.10.2014

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