THT_band 1 ostalb

Rezension, Band 2, in
Mitteilungen des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg e.V., Heft 59/November 2013, S. 32-33
von Dr. Silvester Lechner

"Im Vorwort und Klappentext definiert der Herausgeber Wiolfgang Proske die Begrifflichkeiten des Titels:
`- Täter sind Personen, die selbstbestimmt und in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie Menschen schädigten oder anderen entsprechende Anweisungen gaben.
- Helfer sind Personen, die fremdbestimmt Täter in ihrem handeln unterstützten, ohne ihre Anweisungen zu überschreiten oder sie an andere zu delegieren.
- Trittbrettfahrer sind Personen, die versuchten, von der Schädigzung anderer Menschen durch Täter und ihre Helfer persönlich zu profitieren.´

Diese `Definitionshypothesen´, die den Grad der Involviertheit der Funktionselite des NS-Staates in drei Stufen skizzieren sollen, legt der Herausgeber seinem vier Bände umfassenden, geografisch auf Württemberg beschränkten Vorhaben zugrunde. Band 1, 2010 war der `Ostalb´ gewidmet (besprochen in Mitteilungen 54), die Bände 3 und 4 werden sich mit dem östlichen Württemberg bzw. der Region Schwaben/Bodensee befassen. Der vorliegende zweite Band behandelt durch 15 Autoren insgesamt 19 Personen, die durch Geburt oder zeitweilige Anwesenheit in den Jahren 1933 bis 45 dem "Raum Ulm/Neu-Ulm" zugeordnet sind.

Die behandelten Personen stellen keine irgendwie repräsentative Auswahl der in die Tausende gehenden Menschen dar, die auch in dieser Region das System auf allen Ebenen am Laufen hielten. Aber sie erlauben doch einen exemplarischen Blick auf die Grundlagen und Mechanismen eines Staates, dessen `Effizienz´ so gigantisch war, dass durch Terror und Krieg am Ende nahezu 60 Millionen Menschen in fast ganz Europa den Tod gefunden und Millionen nur mit tiefgreifenden, bis heute nachwirkenden Verletzungen an Leib und Seele überlebten.

Einige Charakteristika der 19 vorgestellten Biografien: Sie gehören mit ihren Geburtsjahrgängen zu etwa gleichen Teilen (mit zwei Ausnahmen) den drei Jahrzehnten von 1880 bis 1910 an, was sehr unterschiedliche Zeit-Prägungen bedeutet - insbesondere bezüglich dem Zentralereignis, dem Ersten Weltkrieg. Gemeinsam ist allen, dass sie aus diesem Krieg als in der Regel aktive Gegner der Weimarer Republik hervorgingen und ihre ideologische Heimat in Nationalismus und militaristischem Revanchismus, in Rassismus und Antisemitismus hatten. Zwölf waren Akademiker, davon hatten sechs ein Jurastudium absolviert, mehr als die Hälfte waren Beamte oder Berufssoldaten, vier durchliefen komplette Partei- bzw. SS-Karrieren. Etwa die Hälfte jeweils entstammte einerseits `gutbürgerlichen´ bzw. eher `kleinbürgerlichen´ Elternhäusern.

Gemeinsam ist der Mehrheit der vorgestellten Fälle, dass sie nach einer Entnazifizierungsphase (mit ´grandiosem´ Entlastungszeugnissen) ihre Karrieren bis zur Pensionierung in der Bundesrepublik fortsetzten. Typisch für den zutiefst patriarchalisch fundierten Nazi-Staat erscheint, dass sich nur eine Frau, Marga Baumgarten, geb. 1879, die zusammen mit ihrem Mann einen Laden für NS-Zubehör in Ulm betrieb, unter den Beschriebenen befindet. Dass Frauen in ihrer Rolle auch ganz wesentlich zum Funktionieren des Nazi-Systems beitrugen, ist ein anderes Thema.

Namen und Funktionen der anderen vorgestellten Personen:
- Justiz: Hermann Bames (in seiner Rolle als Kriegsrichter), Gottlob Braun (seit 1928 Staatsanwalt in Ulm), Wilhelm Dambacher (Justizdienst, 1943 Teilnahme an der Hinrichtung eines Zwangsarbeiters; 1953-1966 Landrat in Ulm); Dr. Fritz Grub (aktiver Nazi als Amtsgerichtsrat in Ulm, was er 1950 wieder wurde, schließlich 1951 Landgerichtsdirektor); Carl Max Claus (u.a. Gefängnisdirektor in Ulm).
- NS-/SS-Karrieren: Christoph Diehm (u.a. Aufbau SA in Württemberg); Wilhelm Dreher (Polizeidirektor in Ulm 1933-42); Dr. Gerhard Klopfer (Parteikanzlei der NSDAP, nach 1945 Rechtsanwalt-Karriere in Ulm); Dr. Walter Schieber (Wirtschaftsfunktionär); Emil Leimeister (SS, Hinrichtung eines französischen Kriegsgefangenen in Langenau).
- Uni-Professoren: Prof. Ludwig Mühlhausen (keltische Philologie); Prof. Gustav Riek (Urgeschichte); Prof. Robert F. Wetzel (Urgeschichtsforscher, Anatom).
- Sonstige (Otto Häcker (Pfarrer, `Deutscher Christ´); Max W. Kimmich (Flimregisseur, u.a. in der NS-Zeit); Karl Kitzinger (Wehrmachts-Fliegergeneral); Dr. Eduard Scheffold (Gesundheitsamts-Direktor, u.a. erbhygien. Maßnahmen).

Aus den vorliegenden Biografien sei eine, von Andreas Lörcher verfasste, besonders herausgegriffen, die in vieler Beziehung typisch erscheint: Die Biografie des Ulmer Oberbürgermeisters von 1948 bis 1972, Theodor Pfizer (1904-1992). Pfizer, einer eher großbürgerlichen, protestantischen Stuttgarter Familie entstammend, begann nach dem Jurastudium 1932 eine Laufbahn bei der Reichsbahn, die die gesamte NS-Zeit umfasste und erst 1947 endete.

Als am 29. Februar 2004 in Ulm anlässlich der 100. Wiederkehr seiner Geburt an den verdienstvollen "Bildungsbürger im Dienste der Stadt" (OB Gönner) erinnert wurde und Gönner die Benennung des Wiblinger Schulzentrums nach Pfizer verkündete, brach ein in der Nachkriegsgeschichte Ulms beispielloser öffentlicher geschichtsstreit aus: Lehrer, Eltern und Schüler des zentrums fühlten sich überrumpelt und fragten nach dem konkreten historischen Inhalt der Berufskarriere Pfizers bei der Reichsbahn, die für die `Logistik´ von Vernichtungskrieg und Juden-Deportationen unabdingbar gewesen war. `Beschmutzung´, `Verleumdung´, `Denunziation´ eines hochverdienten Bürgermeisters tönten die Lokal-Chefs der Südwest-Presse, ehe der OB am 15. April seinen Vorschlag zurück zog und von der SWP die Debatte für `beendet´ erklärt wurde.

Diese Vorgänge sind in den Mitteilungen Nr. 41 und 42 des DZOK aus dem jahr 2004 dokumentiert: `Es geht einmal wieder um die historische Erkenntnis, dass das NS-System vor keinem gesellschaftlichen Bereich prinzipiell halt gemacht hat. Und es geht um die Schlussfolgerung daraus für die Bewertung unseres Rechtsstaates heute: wie weit soll und darf Loyalität der Staatsbürger für ihren Staat gehen? Der `Fall Pfizer´ könnte so ein Beitrag zu einem Stück aktueller Selbstbefragung unserer (Ulmer) Gesellschaft werden.´

Nun hat Andreas Lörcher nach intensiven Archivstudien historisches Licht in den Fall Pfizer gebracht, nach einer Vorstudie, die am 22.3.2012 in der Südwest Presse (!) erschienen war. Er konstatiert im vorliegenden Band u.a.: Pfizer sei ein `Nutznießer des nazi-Regimes gewesen´; er habe sich `gemäß seinem Diensteid (25.8.1934) dem Führer des Deutschen Volkes, Adolf Hitler (gegenüber) getreu und gehorsam´ verhalten; ´er habe anders gedacht als die Nazis, aber stets in deren Sinn gehandelt´. Schließlich: Er sei ein ´opportunistischer Trittbrettfahrer´, `ein zuverlässiges Rädchen im verbrecherischen System bis zum letzten Kriegstag´ gewesen - ohne ein `Fünkchen Selbstkritik´ in der Nachkriegszeit.

Die historische Wahrheit ist oft bizarr - zu ihr gehört zweifellos auch die Tatsache, dass die Nachkriegs-Amtszeit Pfizers für Ulm ein Glücksfall war. Denn, auch wenn er über seine eigenen NS-Anteile beharrlich schwieg, war er z.B, der erste Oberbürgermeister in Baden-Württemberg, der 1959 durch einen beamten der Stadt, Heinz Keil, eine bis heute grundlegende Dokumentation über `die Verfolgung der jüdischen Bürger von Ulm´ in der NS-Zeit in Auftrag gegeben hat und der gleichzeitig das Erbe dre geschwister Scholl - in gestalt von Volkshochschule und hfg als Institutionen lebendiger demokratie - immer gefördert hat. Beide `Wahrheiten´ zu ein und derselben Person treffen zu - und sollten als Lehrstück für die Nachkommen im Bewusstsein der Stadt wach gehalten werden.

Insgesamt stellt Wolfgang Proskes exemplarische Edition eine Bereicherung der regionalen Literatur dar zum Verstehen dessen, was im Nationalsozialismus durch Verantwortungsträger geschehen ist und wozu unter bestimmten Bedingungen Menschen aus Überzeugung, oft aber auch aus schierem Opportunismus in der Lage sind."

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Rezension zu Band 2 in
Schwäbische Zeitung
04. November 2013

Mitläufer, Schreibtischtäter und SS-Forscher
"... "Die Mörder sind unter uns - auf den Friedhöfen ganz in unserer Nähe", beendet Frank Raberg sein Kapitel über den SS-Oberführer Südwest Christoph Diehm. Raberg ist einer der Autoren, die gemeinsam mit dem Historiker und Herausgeber Wolfgang Proske gerade den zweiten Band der Täterforschung "Täter Helfer Trittbrettfahrer" herausgegeben haben. Um 19 NS-Belastete aus dem Raum Ulm und Neu-Ulm geht es in diesem Band. Es geht um Menschen, deren Namen man noch kennt oder nie gehört hat, ohne die das NS-Regime aber nicht funktioniert hätte. Detaillierte Täterforschung, sagt Proske, ist nötig, um das System des Nationalsozialismus in Deutschland zu verstehen und Konsequenzen aus diesem Verstehen ziehen zu können. Bei der Vorstellung von "Täter Helfer Trittbrettfahrer" in der Buchhandlung Gondrom lasen und berichteten fünf der 15 Autoren des Buches, darunter der 34-jährige Andreas Lörcher, wissenschaftlicher Leiter des Aicher-Scholl-Kollegs UIm. Er befasste sich intensiv mit Theodor Pfizer, von 1948 bis 1972 UImer Oberbürgermeister. Als "Trittbrettfahrer in der ersten Klasse", als klassischen Schreibtischtäter, der sich dem System aus Karrieregründen anbiederte, zeichnet Lörcher Pfizer.

Viel Unbekanntes im Buch
Portraits entstehen aus der Forschung der Autoren, die viel bislang Unbekanntes enthalten, sachlich-nüchtern dargestellt und doch überraschend zum Weiterlesen animierend: Die Namen des in Senden geborenen und dort 1969 gestorbenen UImer Polizeidirektors WilheIm Dreher, der nach der Entnazifizierung Wahrheit und Lebenslüge nicht mehr auseinanderhalten konnte, und des Wannseekonferenz-Teilnehmers Gerhard Klopfer sind in UIm und Neu-UIm nicht vergessen.

Kaum bekannt dagegen sind Max ("Axel") Kimmich, Ulmer Schwager von Joseph Goebbels und Regisseur im Dienst der NS-Filmmaschinerie, oder der Neu-Ulmer Karl Kitzinger, Wehrmachtbefehlshaber und von Hitler noch im April 1945 mit der Aufstellung einer Luftverteidigungszone Ost beauftragt. Nur scheinbar harmlose Wissenschaftler: Keltenforscher Ludwig Mühlhausen stand in engem Kontakt zu Himmlers SS-Ahnenerbe oder Robert Wetzel. Er war stolz, ein Forscher im Auftrag der SS zu sein.

Dass gerade auch Männer in gehobene Positionen des Nationalsozialismus nach Kriegsende nicht zur Verantwortung gezogen wurden, sondern in Deutschland rasch wieder zu Ehre und Ansehen kamen, zeigen die Beispiele des Oberfeldrichters und späteren UImer Landgerichtsdirektors Hermann Bames, des Heilbronner Polizeidirektors WilheIm Dambacher, der in UIm Landrat wurde, oder des NS-Reichsbankjustiziars und späteren UImer Landgerichtsdirektors Fritz Grub.

Nur Männer als Täter und Trittbrettfahrer?
Nein, ein Portrait von Rudi Kübler. zeichnet Marga Baumgartens Biografie auf, das Leben einer Frau, die sich als Gründungsmitglied der NSDAP in Ulm!Neu-UIm und Kreisfrauenschaftsleiterin ganz der NS-Ideologie verpflichtet fühlte. Ihr Goldenes Parteiabzeichen leugnete sie nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes vor der Spruchkammer..."

>Pressebericht im Original ansehen.

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Rezension zu Band 2 in
SKSK-Rundbrief 2/2013, S. 11 (hg. v. Institut fuer Anglistik, Amerikanistik und Keltologi, Bonn)
im Februar 2013
Dr. Gisbert Hemprich

Keltologie während des Nazi-Regimes
Ein neuer Artikel über Ludwig Mühlhausen (1888-1956)

Daß es zwischen 1933 und 1945 keinen Universitätsprofessor gibt, der sich nicht der Nazi-Ideologie anpassen mußte, ist inzwischen allgemein bekannt. Daß auch das Fach Keltologie dem Legitimationsdruck ausgesetzt war, zeigt z.B. die Umbenennung der renommierten „Zeitschrift für celtische Philologie“ in „Zeitschrift für keltische Philologie und Volksforschung“ (1941–43). Zu verantworten hatte dies Prof. Dr. Ludwig Mühlhausen (1888–1956), ein stramm nationalsozialistisch orientierter Keltologe aus Hamburg, dem SS-Ahnenerbe verpflichtet und SS-Offizier, zu dem jüngst eine neue Publikation vorgelegt wurde: Christopher Sterzenbach: „Ich kann es nicht bedauern, daß dieser Krieg auch in die wissenschaftliche Arbeit hineingreift ...: Prof. Dr. Ludwig Mühlhausen“...

Nach der Vertreibung von Julius Pokorny wurde Mühlhausen auf dessen Berliner Lehrstuhl berufen, wo er die politische Gleichschaltung und
Neuausrichtung der Keltologie betrieb, nämlich hin zu einer „Volksforschung“ betreibenden „Keltistik“. Dr. Christopher Sterzenbach, Archivar des Erzbistums München und Freising, hat viele bekannte Publikationen zu Mühlhausen, aber auch viele neue Archivalien ausgewertet, um das Bild vom harmlosen und unpolitischen Wissenschaftler, das Mühlhausen nach dem Krieg von sich selbst zeichnete, und das loyale Mitarbeiter willig bestätigten, zu korrigieren. Nach einer allgemeinen Darstellung seines Werdegangs wird Mühlhausens Beteiligung an der In-Dienst-Stellung von Keltologen für die Propaganda und zu zersetzerischen Zwecken in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten besprochen sowie Mühlhausens Anteil an der Rundfunkpropaganda.

Darüberhinaus geht es um Mühlhausens Beteiligung an einem militärgeographischen Handbuch, das der deutschen Wehrmacht eine möglicherweise zukünftige Landung in Irland erleichtern sollte, sowie um seinen Beitrag im Rahmen des „Germanischen Wissenschaftseinsatzes“. Letzteres führte Mühlhausen 1943 zum Dienstort Oberkirchberg bei Ulm. Dieser Umzug ist der Grund dafür, daß Mühlhausen in „Täter – Helfer – Trittbrettfahrer“ aufgenommen wurde, denn Band zwei dieser Reihe ist NS-Belasteten aus dem Raum Ulm/Neu-Ulm gewidmet.

In den beiden Schlußkapiteln zeigt Sterzenbach, wie sich Mühlhausen nach seiner Festnahme am 13. Mai 1945 zum harmlosen Mitläufer zu stilisieren versucht, der von der Waffen-SS aufgrund seiner beruflichen Fähigkeiten lediglich zwangsverpflichtet worden sei. Tatsächlich seien Mühlhausens Publikationen und öffentlichen Äußerungen überraschend unpolitisch. Andereres kommt in internen Papieren und Vorträgen zum Ausdruck, weshalb es für Sterzenbach außer Frage steht, daß Mühlhausen „keinerlei Distanz zum NS-Regime“ (S. 139) zeigte, antisemitisch dachte und bereitwillig beim Nazi- Regime mitarbeitete.

Das Buch „Täter – Helfer – Trittbrettfahrer“ ist eine beeindruckende und sehr begrüßenswerte Publikation, die 19 Täterbiographien, zusammengetragen von 19 Autoren, vereint. Der Band ist von keiner Institution herausgegeben worden, sondern durch private Initiative entstanden. Die Arbeit wurde weitgehend ehrenamtlich und ohne Kostendeckung bei den teils sehr weiten Archivreisen und Recherchen geleistet. Der Herausgeber Dr. Wolfgang Proske ist Sozialwissenschaftler, der sich als Geschichtslehrer mit der Historisierung des Nationalsozialismus beschäftigt und eine beispielgebende, engagierte Täterforschung betreibt. Diese richtet den Blick nicht nur zurück in die
Vergangenheit, im Gegenteil soll sie dabei helfen, „viel über das bis heute mehr oder weniger subtile Fortwirken nationalsozialistischer Mentalität“ zu lernen (S. 11).

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