THT_band 1 ostalb


Rezension, erschienen in
DZOK Mitteilungen Nr. 54 vom Juli 2011 (hg. vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg in Ulm)

Was eigentlich heißt NS-Täter?

Ein bemerkenswertes Buch ist soeben erschienen: Täter Helfer Trittbrettfahrer – NS-Belastete von der Ostalb (Verlag Klemm + Oelschläger, Ulm/Münster 2010, 295 S., ISBN 978-3-86281-008-6). Herausgeber ist der – an der Universität Bremen 1989 bei Imanuel Geiss mit einem afrikanistischen Thema promovierte - Heidenheimer Geschichtslehrer (und Diplom-Sozialwissenschaftler) Dr. Wolfgang Proske.

Das Buch leistet im Wesentlichen zweierlei: Zum einen nutzt es viele bisher im Verborgenen liegende Informationen aus gerade freigegebenen Archivquellen (insb. aus dem Bundesarchiv Berlin sowie den beiden Ludwigsburger Archiven),  um in 16 Biografien einzelnen NS-Belasteten auf die Spur zu kommen. Herausgekommen ist – erstmals im Bereich der Ostalb – eine respektable Tätergeschichte ganz auf der Höhe der gegenwärtigen Forschung, die an vielen Stellen auch darüber hinausgeht und einmündet in eine – insgesamt allerdings noch zu entwickelnde – regionale NS-Gesellschaftsgeschichte. Dabei ergeben sich – etwa im von Hermann Wenz verfassten Artikel über den stellvertretenden Leiter des KZ Oberer Kuhberg, Hermann Eberle – instruktive Bezüge nach Ulm. In Heidenheim selbst hat Proske insbesondere mit seinem Artikel über den hier geborenen Wehrmachtsgeneral Erwin Rommel, der lange Zeit fälschlich zum Widerstandskämpfer hochstilisiert worden war, viel Staub aufgewirbelt; seine Forderung nach Umwidmung des 1961 von ehemaligen Afrikakämpfern gestifteten „Rommeldenkmals“ zugunsten der Insassen der beiden Heidenheimer KZ-Außenlager wurde unmittelbar nach dem Erscheinen des Buches Ende November 2010 bereits Gegenstand einer emotional geführten Pressedebatte. Das Denkmal steht – wie nicht anders zu erwarten -  noch immer. So schnell mahlen die Mühlen auf der Ostalb denn doch nicht.

Doch Proskes Anspruch reicht viel weiter: Zum anderen möchte er genauer wissen, was eigentlich ein NS-Täter ist. In vielen der beschriebenen Fälle ging ihm dieses Wort in seinen Implikationen zu weit, weswegen er - angeregt von Raul Hilbergs Begriffstriade  „Täter Opfer Zuschauer“ - zusätzlich zum Täter die Begriffe „(Helfers)helfer“ und „Trittbrettfahrer“ einführt. Dabei hält er die Übergänge zwischen ihnen für „fließend“. Für´s erste unterscheidet er – wie andere vor ihm - Schreibtisch-, Weltanschauungs- sowie Exzesstäter. Doch präzisiert er jetzt und versteht unter NS-Tätern „master brains“ sowie „Ermächtigte“ und „Angewiesene“. Ihr gemeinsames Merkmal sieht er darin, dass sie sich als „Werkzeuge einer höheren Ordnung“ verstanden hätten. „Helfer“ seien demgegenüber bloß „Ausführende“ mit allerdings oft riesigen eigenen Spielräumen, die ihre Kompetenz durch die Methode „Learning by Doing“ erweiterten. Die „Trittbrettfahrer“ schließlich erscheinen zunächst als nur zuschauende „Volksgemeinschaftler“, prinzipiell als eine Art Schläfer. Sie seien die eigentliche „Verfügungsmasse“ der Nazis, denn sie ließen sich jederzeit aktivieren, um dann zumeist aus persönlichen Nützlichkeitserwägungen heraus zu handeln. Bei Tätern findet er immer wieder erstaunlich „viel Zynismus“, bei Helfern insbesondere „fehlgeleiteten Idealismus“, bei Trittbrettfahrern vor allem eine „fröhlich-oberflächlich-naive“ „political correctness“. Proske beschreibt diese hermeneutisch gewonnenen Begriffe ausdrücklich als „vorläufig“ und fordert dazu auf, sie im Rahmen der künftigen NS-Täterforschung weiterzuentwickeln.

Insofern schaufelt dieser Sammelband weit über die Ostalb hinaus frei. Er ist zuallererst ausgesprochene Fleißarbeit (deshalb auch insgesamt acht MitarbeiterInnen, darunter die Wiener Zeithistorikerin Sybille Steinbacher, eine Schülerin von Norbert Frei). Das Buch eröffnet einerseits („global denken, lokal forschen“) die bisher von manchem so dringend vermisste regionale NS-Täterforschung in einer Provinz, die nicht von ungefähr überdurchschnittlich viele Nazis hervorbrachte. Andererseits wird gerade mit dem Begriff des „Trittbrettfahrers“ ein Tätertyp umschrieben, der offensichtlich zwar genügend Dreck am Stecken hat, aber gleichzeitig immer wieder durch die entsprechenden Definitionsraster hindurchschlüpfen konnte, weshalb manche noch bis heute glauben, der Nationalsozialismus sei das Werk einiger weniger böser „Verführer“ an der Spitze des Staates gewesen. Doch dem ist nicht so: Selbst im Hinterland war der Nationalsozialismus mit oft tödlicher Konsequenz präsent, wie es beispielsweise Peter Stadlbauer am Beispiel der letzten Giengener Jüdin Frieda Langer eindrucksvoll aufzeigt. Mit dem Bild vom Trittbrettfahrer kann jetzt besser verstanden und beschrieben werden, welch wichtige Rolle den vielen willigen, gegenüber Andersdenkenden und vermeintlich Andersartigen bösartigen Jasagern zukam. Und auch die Überlegungen zur Unterscheidung zwischen „Tätern“ und „Helfern“ sind sehr bedenkenswert.

Diese Erkenntnis macht das wenig leserfreundliche und zu kleine Schriftbild mehr als wett, zumal sich darin bei tieferem Hinterfragen eh nur kapitalistische Verwertungszwänge für einen engagierten, erfreulicherweise immer öfter den Nationalsozialismus aufgreifenden Verlag äußern. Alles in allem verdient dieses Buch zur Vertiefung ihres Geschichtsbildes viele Leser nicht nur auf der Ostalb, weshalb eine weitere Auflage (die erste Auflage ist bereits nach drei Monaten nahezu ausverkauft!) wünschenswert erscheint. Dort sollten die manchmal recht störend empfundenen Druckfehler beseitigt werden. Vor allem aber sollte dieser Band in seinen sehr weit zielenden Anregungen verstärkte allgemeine Beachtung im Zusammenhang mit der künftigen NS-Täterforschung finden.

Daniel Müller

Pressebericht zur Buchvorstellung in der Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn, veröffentlicht in der
Heidenheimer Zeitung / Heidenheimer Neue Presse
am 27. November 2010
Andreas Uitz

Ein mutiges Werk
... "der viel gehörten Aufforderung, Geschichte Geschichte sein zu lassen, dürfen wir nicht nachgeben", sagte Bürgermeister Michael Stütz. bei der Buchpräsentation. Das gelte für den Umgang mit Georg Elser ebenso wie bei der Suche und Forschung nach den im Nationalsozialismus schuldig gewordenen Menschen. Im Falle Georg Elsers habe man auch in Königsbronn gut daran getan, die Thematik aufzuarbeIten. "Etwas auf die Seite schieben ist sicherlich leichter, aber ganz bestimmt falsch", so Stütz. Gleichwohl werde es nach Veröffentlichung des Buches, das 16 Biografien von Tätern, Helfern und Trittbrettfahrern des Naziregimes enthält, auch viel Kritik geben, sagte Stütz. "Es gibt einfach zu viele Menschen, die sich nicht mit der Thematik auseinandersetzen wollen." Dass das nun veröffentlichte Buch von besonderer Bedeutung, vor allen Dingen für den Landkreis ist, betonte der Bürgermelster. Denn in ihm werde deutlich, dass das NS-Regime nur durch die vielen Helfer habe funktionieren können.

Dies unterstrichen auch der Verleger und der Herausgeber des Buches, Ulrich Klemm und Dr. Wolfgang Proske. Das Buch verbinde Regional- und Weltgeschichte, sagte Klemm und bezeichnete Königsbronn als "mutige und demokratisch vorbildliche Gemeinde". Ein Buch wie "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" habe es bislang nicht gegeben, auch deshalb sei es besonders aktuell. Erst jetzt öffneten sich die Archive, und so seI es möglich, die Geschichte der Täter aufzuarbeiten. Das Buch, so Klemm, sei ein "wichtiges und mutiges Werk."

>Pressebericht im Original ansehen.

____________________
zurück zum Seitenanfang


Pressebericht zur Buchvorstellung in der Georg-Elser-Gedenkstätte Königsbronn, veröffentlicht im
Königsbronner Wochenblatt
am 02. Dezember 2010

"Täter, Helfer, Trittbrettfahrer"
... Das Buch "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer - NS-Belastete von der Ostalb" erinnert in 16 Biografien an das Wirken und ihr Umfeld von NS-Tätern der Ostalb. Dabei werden nicht nur Massenmörder beschrieben, die Dutzende, Hunderte oder gar Tausende von Menschenleben auf ihrem Gewissen haben, sondern auch beflissene Helfershelfer, die weitreichende Spielräume vor Ort umsetzten, was anderswo geplant worden war. Darüber hinaus geht es um Trittbrettfahrer, die politisch korrekt mit der Masse schwammen und sich famos darauf verstanden, zu Nutznießern der Gewaltherrschaft zu werden...

>Pressebericht im Original ansehen

____________________
zurück zum Seitenanfang


Pressebericht, in
Schwäbische Post (Aalen)
am 03. Dezember 2010

„Ich bin doch nur gefahren“
"... das knapp 300 Seiten starke Buch ermöglicht einen Einblick in eine heutigen Generationen nahezu unvorstellbar erscheinende Welt, in der nicht nur eine vermeintliche „Elite“ zu Verbrechern wurde, sondern Menschen von nebenan. „Ganz normale Männer“, wie es auch schon in dem gleichnamigen Buch von Christopher R. Browning über ein Hamburger Reserve-Polizeibataillon aufgezeigt wurde. Dabei lag bisweilen nicht einmal politische Überzeugung zu Grunde – was nichts entschuldigen würde – , sondern immer wieder schlicht Karrierestreben, für das Täter, Helfer oder Trittbrettfahrer bereit waren, ihren Beitrag zu Terror und Mord zu leisten."

____________________
zurück zum Seitenanfang


Kommentar zur Buchvorstellung,
Schwäbische Post  vom 03. Dezember .2010
Wolfgang Nußbaumer

Heimkehr
"... Zehn Heimatforscher aus dem Raum Aalen haben Leben und Werk von 15 Vorgängern beschrieben. Schöner kann man nicht dokumentieren, wie die Fackel der Heimatkunde – und ich benutze diesen altmodischen Begriff mit voller Absicht – weitergegeben wird. Enthält er nicht die Erkundung unserer Lebenswelt ebenso wie die Mitteilung von deren Ergebnis? Von Heimat zu reden war hierzulande lange Zeit nicht en vogue. Fast zwanghaft wurde die Bezeichnung mit Tümelei in Verbindung gebracht. Heimat als bergende Wohlfühlumgebung, als Ort der Identifikation, wo man sich zuhause fühlt und nicht nur lebt – diesen Begriff von Heimat hat die Blut- und Bodenideologie des Dritten Reiches nahezu total beschädigt.

Indem jedoch die Heimatforschung dessen Altlasten nachgeht und in der Vergangenheit aufräumt, gewinnt sie uns auch unsere Landschaft, unseren so vielgestaltigen Lebensraum als Heimat zurück...".


zurück zum Seitenanfang


Rezension, erschienen in
Informationsmittel für Bibliothgekswesen: digitales Rezensionsorgan für Bibliothek und Wissenschaft, D (Geschichte und Landeskunde),
DGAA (Deutschland), 12-1 (2012)

von Frank Raberg

"Der hier zu rezensierende Sammelband setzt die Aufarbeitung der biographischen Dimension der NS-Herrschaft in Land und Region mit erfreulichem Schwung fort. Wichtige Vorgängerpublikationen waren u. a. „Die Führer der Provinz“ (1997) und „Stuttgarter NS-Täter“ (2009) sowie Christine Arbogasts Tübinger Dissertation „Herrschaftsinstanzen der württembergischen NSDAP“ (1998), die sich mit den NS-Kreisleitern beschäftigte.

Der von dem Geschichtslehrer Wolfgang Proske herausgegebene Band nimmt 16 „NS-Belastete von der Ostalb“ in den Blick, wobei die biographische Verortung der dargestellten Persönlichkeiten in dieser Region Ostwürttembergs unterschiedlich stark ausgeprägt ist – am geringsten sicherlich bei Erwin Rommel (1891-1944), den Proske selbst zum Gegenstand eines kritischen Textes macht. Jeglicher Heroisierung abhold, zeichnet Proske das Bild eines „gewöhnlichen Kriegsverbrechers“ (S. 218), für „Rommellegenden“ bestehe daher im „demokratischen Rechtsstaat keinerlei Veranlassung. Konsequenzen aus dieser Einsicht wären wünschenswert“ (S. 219). Angesichts aktueller medienwirksamer Auseinandersetzungen zwischen den Produzenten eines Rommel-Spielfilms und der Familie Rommel sowie befremdlicher Diskussionen um das Rommel-Denkmal in Rommels Geburtsstadt Heidenheim an der Brenz ist ablesbar, dass diese Konsequenzen wohl noch eine Weile auf sich warten lassen werden.

Umso wichtiger bleibt die Bedeutung gut dokumentierter, kluger Texte, wie Proske ihn über Rommel oder Wolfgang Mährle im neuesten Band der „Württembergischen Biographien“ (2011, S. 233-237) vorgelegt hat. Letztlich kommen beide Autoren zu dem Befund, dass die Diskussion um Rommel so zäh und heftig ist, weil sich in ihm jahrzehntelang das mittlerweile falsifizierte Bild von der „sauberen Wehrmacht“ idealtypisch verdichtete. Generationenübergreifende Lebenslügen sind schwer zu liquidieren.

Proskes Einleitungsaufsatz „Soll man das Vergangene ruhen lassen?“ wirft mehrere Fragen auf, die pointierter kaum sein könnten – wie etwa „Sozialer Friede durch Amnes(t)ie?“ (S. 9), womit ein Leitmotiv des Bandes dokumentiert ist: unangenehme Fragen zu stellen und sich um nüchterne Antworten zu bemühen. Das ist immer ein heikles Unterfangen, dem weder Proske noch die anderen Autoren aus dem Wege gehen. Nein, man soll, man darf das Vergangene nicht ruhen lassen, und nur das Wissen um die Fakten führt zur Selbstbesinnung.

Zu den vorgestellten „NS-Belasteten von der Ostalb“ gehören der aus Gerstetten stammende und von Alfred Hoffmann porträtierte Gottlob Berger (1897-1975), Chef des SS-Hauptamts und General der Waffen-SS, ein biederer Lehrer, der zu höchsten Würden im „Dritten Reich“ aufstieg. Wolfgang Proske demaskiert den aus Ellwangen stammenden „Blutrichter schlimmster Sorte“ Hermann Cuhorst (1899-1991) als den perversen „furchtbaren Juristen“, der er war. Als Senatspräsident beim Oberlandesgericht Stuttgart und (1937-1944) Vorsitzender des „Sondergerichts“ erfüllte der einstige „Freikorpskämpfer“ Cuhorst alle Hoffnungen, die seitens der Parteileitung in ihn gesetzt wurden. Seine Entnazifizierungsgeschichte liest sich wie ein Stück aus dem Lehrbuch. Obwohl 1949 zu Arbeitslager verurteilt, erfolgte bereits 1950 seine Entlassung. Cuhorsts Rehabilitierungsversuche scheiterten jedoch – letzteres im Gegensatz zu vielen anderen Justizmördern der NS-Zeit. In der Todesanzeige hieß es „Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich“.

Können Rommel, Berger und Cuhorst als vergleichsweise gut „aufgearbeitete“ NS-Täter gelten, so sind alle anderen Personen im Sammelband erstmals Gegenstand einer monographischen Arbeit. Hermann Wenz holt die Biographie des Leiters des KZ Welzheim, des gebürtigen Ebingers Hermann Eberle (1909-1949) ans Licht, der durch Suizid endete. Peter Stadlbauer bietet ein faszinierendes Doppelporträt von Christian Ehrlinger (1884-1970) und dessen Sohn Erich Ehrlinger (1910-2004). Während Christian Ehrlinger an der „Heimatfront“ als Beamter und eifriger „Arisierer“ in Giengen/Brenz zur Stabilisierung des Hitler-Staates beitrug, engagierte sich der Sohn bei der SS und stieg zum Amtsleiter des Reichssicherheitshauptamtes auf. „Bestehende Netzwerke ehemaliger Nazis“ (S. 118) ermöglichten die krankheitsbedingte Haftentlassung des Sohnes Ehrlinger, der immerhin ein Lebensalter von 94 Jahren erreichte.

Heiner Jestrabeks Beitrag über den aus Neubolheim stammenden Karl Götz (1903-1989) ist eines der charakteristischen Kernstücke des Bandes. Der Heidenheimer Lehrer und Aktivist der Volkstumsbewegung erwies sich als mäßig begabter Schriftsteller, über dessen Werk ein „brauner Schatten“ lag (S. 137), was aber offenkundig niemanden störte, denn er war unter anderem Träger der Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg und wurde von Lothar Späth 1991 mit dem Professorentitel geehrt. Der von Wolfgang Proske porträtierte Johann Haßler (geboren 1906 in Dischingen bei Neresheim) war Gaswagenfahrer im Osten und Mörder zahlreicher Menschen, jedoch reichte das Beweismaterial nie aus, um ihn dauerhaft zur Verantwortung zu ziehen. Seine Spur verliert sich in den 1970er Jahren, der gewissenhafte Autor Proske vermochte es nicht, seinen Todesort und das Datum seines Todes zu eruieren. Der ebenfalls von Proske beschriebene Ernst Kapphahn (1895-1983), Gymnasiallehrer in Heidenheim und „Obertruppführer“ des NS-Fliegerkorps, vermochte sich ein Leben lang als der bürgerliche Biedermann zu präsentieren, der zugleich Brandstifter war, was ihm jedoch niemand anlastete. Gebhard Klehr widmet sich in seinem Aufsatz Adolf Mauer (1899-1978), dem aus Bayern stammenden NS-Kreisleiter in Heidenheim und später in Stuttgart. Der Hauptverantwortliche für die „Reichspogromnacht“ in Stuttgart im November 1938 durchlief die Entnazifizierung wie so viele mit für sich durchschlagendem Erfolg und mokierte sich im Alter öffentlich über moderate geschichtswissenschaftliche Darstellungen wie Paul Sauers „Württemberg in der Zeit des Nationalsozialismus“ (1975). Bei der Bewertung der NS-Geschichte Württembergs solle man doch bitte „die Kirche im Dorf lassen“ (S. 157), gab der einstige NS-Gewaltige zu Protokoll - und es gab keinen Aufschrei der Empörung, 30 Jahre nach Kriegsende.

Wolfgang Proskes Text über Heidenheims NS-Oberbürgermeister Dr. Rudolf Meier (1901-1961) ruft eine Persönlichkeit in Erinnerung, über die vergleichsweise wenig bekannt ist. Wie Mauer bei Voith in Heidenheim angestellt, kam er ungeachtet seiner fachlichen Nicht-Befähigung 1935 in das Amt des Stadtvorstands und erwies sich als getreuer lokaler Statthalter des NS-Staates.

Weitere Texte befassen sich mit Johann Warak (1914-1989) von Karlheinz Bauer, Johannes Thümmler (1906-2002; Spitzenfunktionär der SS und Gestapo-Chef in Dresden, Chemnitz und Kattowitz) von Sybille Steinbacher, Dr. Oswald Molsen (1902-1965; Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes Heidenheim), Josef Remmele (1903-1948; Lagerführer in drei Außenlagern des KZ Auschwitz und als einzige der vorgestellten Personen als Kriegsverbrecher hingerichtet) und Jakob Wöger (1897-1962; Standesbeamter in Grafeneck), die letztgenannten drei alle von Wolfgang Proske. Johann Warak war SS-Wachmann in einem Lager bei Wasseralfingen. Bauers Ausführungen beruhen auf einem Interview mit Warak und erschienen erstmals im Aalener Jahrbuch (1984). In der überarbeiteten Fassung des Aufsatzes sind Bauers Bemerkungen über die Reaktionen nach der Erstveröffentlichung von größtem Interesse, da er dokumentiert, wie ablehnend viele dieser Reaktionen waren und wie versucht wurde, ihn einzuschüchtern und zu diffamieren.

Es macht Freude, einen rundum gelungenen Band wie den vorliegenden zu rezensieren. Vorbildlich ist der durchgängige Mut zum klaren Urteil, der alle Beiträge prägt, angefangen bei Wolfgang Proske, Herz und Motor des Bandes. Die hohe Qualität der Texte legt es nahe, in der Region nach weiteren NS-Belasteten wie dem Aalener Kreisleiter Adolf Kling, dem Ellwanger Kreisleiter Adolf Kölle oder dem Neresheimer Kreisleiter Gottlieb Gröner zu forschen und auf diese Weise das Wissen um die dunkelste Zeit der Ostalb zu mehren. Proske hat das Zeug dazu, das hat er mit vorliegendem Band eindrucksvoll unter Beweis gestellt."

______
zurück zum Seitenanfang


_________________________________________________________________________________________________________________

Rezension, erschienen in
Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 4/2011, S. 390
von Dr. Gideon Botsch

"...Hervorzuheben ist die Studie von Peter Stadlbauer, der den Werdegang des SS-Einsatzkommandoführers Erich Ehrlinger mit dem Wirken seines Vaters Christian Ehrlinger als Giengener Bürgermeister in Form einer `Doppelbiografie´ verschränkt. Die empirisch gut unterfütterte Arbeit kann eine Reihe von Annahmen über Ehrlinger aus älteren Studien teils korrigieren, teils bestätigen und ergänzen..."

____________________
zurück zum Seitenanfang