THT_band 1 ostalb

Interview zu Band 1 veröffentlicht in
Sonntag Aktuell , Lokales 9
am 21. November 2010
Andreas Uitz befragt den Herausgeber und Autor Dr. Wolfgang Proske zur Neuerscheinung von "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" Band 1

Das Schweigen wird gebrochen

Über Jahrzehnte hinweg gab es keine Literatur über die NS-Belasteten von der Ostalb. Wolfgang Proske hat es sich zur Aufgabe gesetzt, das dunkle Kapitel der deutschen Geschichte aus lokaler Sicht aufzuarbeiten. Drei Jahre lang recherchierte er in Archiven, knüpfte Kontakte zu anderen Autoren und schaffte es schließlich, das Buch „Täter Helfer Trittbrettfahrer“ zu veröffentlichen. In diesem werden die Biografien von 16 Menschen aus der Region vorgestellt, die während des Nationalsozialismus „Karriere“ machten und damit ihren Teil zum Funktionieren des mörderischen Regimes beigetragen haben. Mit dem Herausgeber Proske sprach Andreas Uitz.

Herr Proske, Sie haben drei Jahre lang viel Zeit und Geld investiert, um das erste Buch über Heidenheimer Täter, Helfer
und Trittbrettfahrer während des Nazi-Regimes zu veröffentlichen. Warum?
Es ist in der Tat das erste Buch dieser Art in unserer Region, also nicht nur für Heidenheim, sondern für die ganze Ostalb. Bislang gibt es nur Literatur, die diese Zeit in Teilaspekten und insbesondere mit Blick auf die Opfer beschreibt. Ich verweise hier auf das wegweisende Buch von Kleinschmidt und Bohnert: „Heidenheim zwischen Hakenkreuz und Heidenkopf“ aus dem Jahr 1983, die Bücher von Alfred Hoffmann oder Schurigs erzählende NS-Geschichte in den Aalener Jahrbüchern. Die Täter zu suchen und ihre Spuren nachzuverfolgen ist aber in unserer Gegend bis heute weitgehend tabuisiert.

Musste eine gewisse Zeit vergehen, bis man mit dieser Spurensuche beginnen konnte?
Ja, so ist es. Die, um die es in diesem Buch geht, sind mittlerweile verstorben. Weil inzwischen 65 Jahre vergangen sind, ist es wesentlich leichter, jetzt ein solches Buch zu veröffentlichen. Seit es eine eher unbelastete Generation gibt, ist es möglich, die Täter in die Forschung mit einzubeziehen.

Das Buch wird einigen Staub aufwirbeln, denn neben prominenten und bekannten Nationalsozialisten haben Sie auch bislang eher
unbekannte Täter ausgegraben. Rechnen Sie mit Schwierigkeiten, gab es bei der Recherche Probleme, etwa mit Nachkommen?
Ärger bei der Recherche gab es, aber nur in Einzelfällen. Auffallend war, dass es, je weiter ich mich von Ostwürttemberg entfernt habe, um so einfacher wurde, Kontakte zu knüpfen, Unterlagen zu finden.

Hatten Sie Kontakt zu Angehörigen?
Bei den von mir verfassten Artikeln habe ich, wo es sinnvoll schien, Kontakt aufgenommen. Klar aber muss sein, dass es grundsätzlich nicht um die Angehörigen, sondern um den Täter, um den Belasteten geht. Die Frage lautete also immer: Was kann diese Personengruppe beitragen, das Wissen über einen Belasteten zu erweitern? Insbesondere im Fall des früheren Heidenheimer Amtsarztes Dr. Oswald Molsen hatte ich guten und ergiebigen Kontakt mit seiner Tochter.

Und in anderen Fällen? Wie reagierten die Angehörigen?
In einem weiteren Fall hier im Landkreis habe ich es versucht, aber der Sohn eines Täters wollte nicht mit mir reden.

Aber spätestens mit Veröffentlichung des Buches werden die Angehörigen doch mit der Vergangenheit konfrontiert.
Das ist richtig, aber darf dies ein Grund sein, Geschehnisse, die bisher oft unter den Teppich gekehrt worden sind, weiterhin zu verschweigen? Die Täter und ihre Helfer sind inzwischen verstorben, es geht also nicht länger um ihre Reintegration in den demokratischen Rechtsstaat. Heute geht es vielmehr um Aufklärung. Dies liegt im öffentlichen Interesse, weil zum einen die Dimension der Naziverbrechen alles vorher Dagewesene sprengt und weil es zum anderen in unserer Zeit Rücksichtnahmen, wie sie zu Lebzeiten der Täter angemessen gewesen sein mögen, nicht mehr geben darf. Denn wie lange sollte denn noch geschwiegen werden? Wann also ist der richtige Zeitpunkt, über das Vergangene zu reden? Ich glaube, jetzt ist es soweit. Weil das alles aber historisches Neuland ist, müssen die noch vorhandenen Unterlagen gesichert und rechtzeitig dokumentiert werden, bevor sie ganz verschwinden. Ich verstehe, wenn Angehörige sich zunächst vielleicht vor den Kopf gestoßen fühlen. Aber ich hoffe, dass sie nach einigem Nachdenken mein Anliegen nicht nur verstehen können, sondern vielleicht sogar dabei helfen, die schlimme Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich schöpfe diesen Optimismus aus den Erfahrungen, die der Sozialpsychologe Harald Welzer in seinem 2002 erstmals erschienenen Buch „Opa war kein Nazi“ gewonnen hat. Aufrichtige Angehörige sind nach einer gewissen Karenzzeit selbst am allermeisten an der Aufklärung ihrer Familiengeschichte interessiert.

Sie sprechen Täter, Helfer und auch Trittbrettfahrer des Naziregimes an. Wie kamen Sie auf die Spuren dieser bislang unbekannten Personen?
Das war eher Zufall. Das Ganze begann als Gruppenprojekt. Dabei sind wir immer wieder auf bestimmte Namen gestoßen und haben versucht, diese in der vorhandenen Literatur zu überprüfen. Manchmal klappte das, manchmal nicht. Dann gingen wir in die Archive, aber auch das war schwierig. Das Stadtarchiv Heidenheim ist offenbar irgendwann nach 1945 gesäubert worden, war also wenig ergiebig. Interessant wurde es insbesondere im Staatsarchiv Ludwigsburg. Viele Unterlagen finden sich auch im Bundesarchiv Berlin und in seinen Außenstellen Freiburg und Ludwigsburg, also in der ehemaligen Zentralstelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen. Allerdings werden meist nur Informationen aufbewahrt, die für Behörden wichtig waren wie Heiratsgesuche, Beförderungen, Besoldungsangelegenheiten, Gerichtssachen und dergleichen. Manchmal finden sich aber – freilich oft frisierte – Lebensläufe.

Wie stehen Sie zu der oft gehörten Aussage, man müsse das Kapitel Nationalsozialismusbeenden und die Akten schließen?
Diejenigen, die sagen, man müsse einen Schlussstrich ziehen und schweigen, hatten nie recht. Eine solche Meinung zeugt sowohl von schlechtem Gewissen als auch von historischem Unverstand. Das Gegenteil ist richtig: Die Akten waren bisher ja verschlossen und werden gerade erst geöffnet. Damit erweitert sich unser potenzielles Wissen. Man muss nur beginnen, die verborgenen Schätze auch zu heben.

Täter, Helfer, Trittbrettfahrer – Wo werden da die Grenzen gezogen?
Diese Aufteilung ist in dem Buch erstmals so vorgeschlagen worden. Jetzt kommt es darauf an, ihre Praktikabilität zu überprüfen. Im Übrigen gibt es fließende Übergange zwischen diesen Kategorien, die einer weiteren Diskussion bedürfen. Somit überlassen ich und auch die sieben Mitautoren die Entscheidung, wer wo hingehört, getrost dem Leser. Wobei es Ausnahmen gibt, wenn das Ausmaß des Verbrechens die Vorstellungskraft überschreitet, etwa bei Erich Ehrlinger oder Berger. Da ist die Zuweisung zum Täter so klar, dass sich eine Diskussion darüber erübrigt.

Welche Rolle spielen hierbei die sogenannten Trittbrettfahrer?
Ich bin der Meinung, dass das diejenigen sind, die in der Forschung künftig ganz besonders untersucht werden müssen. Vom Einzelnen her gesehen mag das Ausmaß der Verstrickung in den Nationalsozialismus marginal erscheinen. Aber in ihrer Masse war diese sog. „Volksgemeinschaft“ für Andersdenkende und aus ihr Zwangsausgeschlossene immer brandgefährlich. Die Trittbrettfahrer verstanden sich darauf, zu Nutznießern der Gewaltherrschaft zu werden. Manchmal waren sie noch sehr jung, vielleicht noch in der Schule. An ihnen ließe sich die Wirksamkeit von Erziehung untersuchen. Ich würde behaupten, dass sich aus diesem Potenzial zu einem übergroßen Anteil der rechte Rand der späteren Jahre zusammensetzt.

Wie schwierig war es, die Spuren der Beschuldigten nachzuverfolgen?
Im Nachhinein gesehen war es machbar. Manchmal kam es vor, dass Personen durch eine Veränderung in ihrer Namensschreibung Nebelschwaden um sich zu erzeugen trachteten. Da wäre Burghardt zu nennen, der Organisator der Reichspogromnacht in Heidenheim im Jahr 1938, der eigentlich Hanns oder auch Hans hieß, später aber als „Hannes“ auftauchte. Andere Täter haben nach 1945 ihr Geburtsdatum in entscheidenden Momenten falsch angegeben. Dazu gehörte wahrscheinlich auch der frühere Oberbürgermeister Dr. Rudolf Meier; sein Geburtsdatum in Ludwigsburg stimmt nicht mit dem im Bundesarchiv Berlin überein, obwohl es sich eindeutig um die gleiche Person handelt.

Sie mussten im Zuge der Recherchen auch mit den Kommunen zusammenarbeiten. Wie lief diese Kooperation?
Unterschiedlich, was die Aufgeschlossenheit betrifft. Vielleicht war es bei jüngeren Archivaren deutlich einfacher. Große Schwierigkeiten gab es in Dischingen. Hier verweigerte das Standesamt Todesdatum und Todesort des Gaswagenfahrers Johann Haßler. Aber gerade in diesem furchtbaren Fall eines Menschen, der nachher die Stirn hatte, zu sagen: „Ich bin nur gefahren!“, und der auch niemals angeklagt und verurteilt wurde, obwohl es meterweise Material über ihn gibt, besteht ein großes öffentliches Interesse. Soweit man mir sagte, wird die Ablehnung vom Landratsamt gerade überprüft. In Gerstetten, um ein anderes Beispiel zu nennen, war die Kooperation gut, es gab eine breite Unterstützung von Seiten der Gemeinde.

Stießen Sie bei Ihrer Suche in den Archiven auch auf weitere Spuren?
Natürlich, ein interessanter und bislang noch kaum untersuchter Bereich sind Euthanasie und Zwangssterilisierungen in unserer Region. Ich habe erstmals Beweise dafür gefunden, dass der Amtsarzt Dr. Oswald Molsen insgesamt 59 Sterilisationen veranlasste. In Berlin konnte ich auch einige der hiesigen Euthanasieakten einsehen.

Dennoch aber ist Ihr Buch nur ein Kratzen an der Oberfläche?
Eigentlich ja, auch wenn es im Einzelfall gelingt, sehr viele Details zu bergen und miteinander zu vernetzen. Das Buch ist prall gefüllt mit Informationen, und trotzdem ist das alles nur der sprichwörtliche Tropfen auf dem heißen Stein.

Gab es bei all den beschriebenen Fällen in Ihrem Buch einen, den Sie als den gravierendsten, als den schrecklichsten empfunden haben?
Diese Frage ist schwer zu beantworten. Wahrscheinlich Erich Ehrlinger. Er hat sich ohne moralische Skrupel und auf Kosten seiner politischen Gegner bzw. der Juden durchgesetzt und seine Ämter schon in sehr jungen Jahren erreicht.Als noch nicht einmal Dreißigjähriger organisierte er im sog. „Sicherheitsdienst“ die Verfolgung der Opfer in Österreich, in der Tschechoslowakei, in Polen. Unter seiner tatkräftigen Mitarbeit – wie hoch der genaue Anteil ist, wird von seinem Biografen Peter Stadlbauer noch untersucht – erfolgte die Hinwendung von der Gegnerbeobachtung zur Gegnerbekämpfung. Man glaubt es kaum, aber er war zeitweise Vorgesetzter des Adolf Eichmann! Danach wurde er Einsatzkommandoführer 1b der Einsatzgruppe A, schon jetzt verantwortlich für unzählige Exekutionen. Im September 1942 war er Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Kiew; dann ab September 1943 Befehlshaber der Einsatzgruppe B und SD-Chef für „Russland-Mitte und Weißruthenien“ in Minsk. Stadlbauer nennt ihn „einen führenden Vertreter der Endlösung der Judenfrage“. Im April 1944 wird er Amtschef im Reichssicherheitshauptamt Berlin. Erst 1961 erfolgte seine Verurteilung wegen „Beihilfe zum Mord“ in 1045 Fällen zu zwölf Jahren, von denen er aber nur siebeneinhalb absitzen musste. De facto saß er somit für jeden nachweislich Ermordeten zweieinhalb Tage ein. Das alles stand einer beruflichen Karriere bei einem deutschen Autohersteller in Karlsruhe nicht im Wege. Wollen Sie noch mehr hören?

Und bei den eher unbedeutenderen Beschuldigten?
Vielleicht Jakob Wöger, der ehemalige Standesbeamte der Euthanasieanstalt Grafeneck. Ihm scheint das Geschehen um sich herum ziemlich egal gewesen zu sein, er wollte nur beruflich vorankommen, und das ging in jenen Zeiten eben am Besten durch Teilhabe am Massenmord. Vielleicht auch Ernst Kapphan, der damalige Leiter der „Oberschule für Mädchen“, natürlich Parteigenosse, charakterlich wohl vor allem ein auf Vorteile bedachter Opportunist, dem insbesondere wichtig war, im Unterricht in Uniform auftreten zu können, der aber nach 1945 erklärte, er habe sich dem Nationalsozialismus nur äußerlich angepasst, tatsächlich aber gegen die NSDAP „Widerstand geleistet“.

Warum kamen so viele Trittbrettfahrer nach 1945 ohne angemessene Bestrafung davon?
Weil wir in einem Rechtsstaat leben. Rechtsstaatlichkeit bedeutet, dass ein Mensch nur bei einem individuellen Schuldnachweis verurteilt und bestraft werden kann. Wenn kein Geständnis vorliegt, was der Regelfall war, hätte es eindeutige Zeugen-oder Urkundenbeweise geben müssen. Und bei sehr vielen Belasteten war es einfach nicht mehr möglich, hinterher diese Beweismittel zu finden, weil sie durch Kriegswirren und teilweise durch entsprechende Manipulationen weg waren oder weil die Erinnerung nicht ausreichte. Heute ist das etwas anders. Mit den heutigen Belegen, wie sie auch im Buch dokumentiert sind, kämen viele nicht mehr so leicht davon.

Was war Ihr Antrieb,dieses Buch zu veröffentlichen?
Ich bin Geschichtslehrer. Wenn nicht mal Historiker sich mit geschichtlichen Tabus auseinandersetzen, wer dann sollte diese Arbeit leisten?

Und Sie wollten die Vergangenheit nicht ruhen lassen?
Natürlich, so ist man halt als Geschichtslehrer! Es hat in Deutschland nach 1945 geradezu eine Amnesie gegeben. Angeblich war keiner dabei, angeblich hat keiner etwas gewusst, angeblich waren alle Widerstandskämpfer. Erst Ende der 50er Jahre hat man damit begonnen, das Vergangene in rosaroten Einzelheiten herauszugreifen und sich zu rechtfertigen. Und bis heute sind nicht alle Regionen in Deutschland davon beseelt, eine kritische Aufarbeitung zu beginnen. Immerhin: die Opfergeschichte scheint inzwischen durch zu sein, was man hier ja auch am Wandel der Einstellung zu Georg Elser sieht.

Aber nicht die Tätergeschichte?
So ist es, der Nationalsozialismus hatte lange Zeit keine Gesichter außer Hitler, Himmler und Heydrich und ein paar andere exorbitante Fälle. Ich denke,dahinter verbirgt sich die Unmöglichkeit, sich die Verbrechensdimensionen in der NS-Zeit auch nur vorzustellen. 12 bis 14 Millionen Menschen wurden durch eine halbe bis eine Million Täter ermordet: Das war der absolute Tiefpunkt der deutschen Geschichte, ein Zivilisationsbruch, wie Dan Diner gesagt hat.

Und um ein solches System überhaupt erst zu ermöglichen, brauchte es zahllose Helfer und Trittbrettfahrer, auch in, auch aus unserer Region?
So ist es.

Und wie könnte man diese Fälle aufarbeiten, wo liegen die Quellen?
Meine Hoffnung ist, dass das Buch andere anregt, sich ebenfalls mit der lokalen NS-Geschichte zu beschäftigen. Es ist noch so viel zu tun.

Also könnte es auch eine Fortsetzung Ihres Buches geben?
Wenn sich genügend Mitstreiter mit Sachverstand finden, die sich hier engagieren, wäre das durchaus möglich.

© Sonntag Aktuell Lokales 9