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Pressebericht erschienen in
Heidenheimer Zeitung/ Heidenheimer Presse - Das besondere Thema
am 18. August 2012

Im Dunkel der Erinnerung

Vor 70 Jahren hatte das KZ Dachau eine Außenstelle auf dem Schlossberg.
Während die Zeitzeugen sterben, öffnen sich bisher verschlossene Archive. Der Historiker Alfred Hoffmann hat das Material ausgewertet.
Die Akten liefern ein geändertes Bild des KZs – denn manche Erinnerung der Zeitzeugen trügte.

Dachau-Heidenheim revisited – Neue Erkenntnisse zu dem KZ-Außenkommando in Heidenheim“ nennt Hoffmann seine aktuelle Arbeit, die an die 1996 veröffentlichte Dokumentation „Verschwunden, aber nicht vergessen“ anknüpft – der bis dahin vollständigsten Zusammenstellung über das „Heidenheimer KZ“. In den Jahren 1941 und 1942 hatte es in Heidenheim ein Außenlager des Konzentrationslagers Dachau gegeben. Neben der Polizeischule auf dem Schlossberg, ziemlich genau an der Stelle des späteren Albstadions und der heutigen Voith-Arena, wurde von Dachau aus ein 50-köpfiges Baukommando aus Häftlingen betrieben, das unter anderem die benachbarte Schlosshau-Siedlung mit erbaute. Die Polizeischule hatte das Reich 1938 errichtet, nachdem die Stadt Heidenheim ihr vormaliges Durchgangslager in den Heeräckern veräußert hatte. Nach dem Krieg wurde der Gebäudekomplex von den Alliierten genutzt. „Displaced Persons“ kamen hier unter, später auch Hunderte Zeissianer, die aus dem Osten ins Brenz- und Kochertal übersiedelten. 1963 wurde der Bau abgebrochen – dabei ging es weniger um die Symbolik als offenbar um die (wie bei vielen Bauten aus der Nazi-Zeit) lausige Qualität.

Erinnerungen gingen ins Grab.
Wer musste in der KZ-Außenstelle leben? „Verschwunden, aber nicht vergessen“ hatte 1996 hauptsächlich noch auf Aussagen des ehemaligen Häftlings Jan Namy´slak zurückgreifen müssen, der 1999 verstarb. Aussagen, die „aufs Beste Glanz wie Elend der oral history illustrierten“, so Alfred Hoffmann: „Ohne ihn als beredten Zeitzeugen wären unendlich viele Details mit ihm ins Grab gegangen, aber auch ihm, war zu vermuten und sollte sich jetzt auch wirklich herausstellen, spielte so lange danach das Gedächtnis den einen oder anderen Streich, selbst da, wo er die Hand dafür ins Feuer gelegt hätte“. Auch sonst musste bei den Recherchen in den 1990ern manches im Unscharfen bleiben: Dokumente, die die Erinnerungen der Zeitzeugen hätten verifizieren oder korrigieren können, waren damals noch nicht für die Forschung zugänglich. Warum? Der Internationale Suchdienst des Roten Kreuzes (International Tracing Service, ITS) im hessischen Bad Arolsen hatte 1955 rund 30 Millionen Dokumente der Alliierten erhalten: Berge von Akten und Unterlagen über die Schicksale verfolgter, verschleppter oder durch die Kriegswirren sonstwie entwurzelter Menschen – seien sie nun KZ-Insassen, Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene, Displaced Persons. Doch gerade, als Historiker in den 1980ern Einblicke in die wichtigen Zeugnisse nehmen wollten, hatte der Suchdienst eine neue Sensibilität bezüglich des Datenschutzes entwickelt. „Der ITS verschanzte sich fürderhin auf ein rein humanitäres Mandat, dem er ausschließlich verpflichtet sei“, so Hoffmann. Also Suchanfragen bearbeiten, Bescheinigungen ausstellen – und keine Auskünfte an Historiker erteilen.

Das Rotkreuz-Archiv gab die Daten frei.
Erst nach immer drängender werdenden, auch internationalen, Protesten gab das ITS seine Widerstände im November 2007 offiziell auf. Inzwischen sind sämtliche Archivalien digitalisiert und stehen der Auswertung zur Verfügung. Endpunkt der Entwicklung wird sein, dass sich das Internationale Rote Kreuz zum Ende dieses Jahres aus der Leitung des ITS zurückziehen und die Bestände dem Bundesarchiv übergeben will. „Was Heidenheim angeht, so liegen die Ergebnisse mittlerweile vor“, so Hoffmann: Mit den beim ITS verwahrten Dachauer Arbeitseinsatzlisten lässt sich demnach die namentliche Zusammensetzung des Heidenheimer KZ-Außenkommandos einschließlich der sich im Zeitablauf ergebenden Veränderungen jetzt lückenlos darstellen. Für Hoffmann bringen die Daten auch neue Erkenntnisse: So bestehe nun kein Zweifel mehr daran, dass das Kommando en bloc am 20. Oktober 1941 nach Heidenheim verfrachtet wurde – inklusive dem slowenischen Zeitzeugen Hamerˇsak, der sich in der Dokumentation „Verschwunden, aber nicht vergessen“ an den 15.Oktober zu erinnern geglaubt hatte. Umgekehrt wurde das Außenlager – wie vermutet – tatsächlich in zwei Schritten aufgelöst: Am 29. Oktober 1942, einem Donnerstag, wurde zunächst eine Gruppe von 30 Häftlingen (mit Namy´slak und Hamerˇsak) abgezogen, und exakt vierWochen später, am 26. Oktober 1942, folgten schließlich die restlichen 20.

Doch auch zum Alltagsbetrieb des Lagers bieten die Akten Neues: „Die Fluktuation während des Bestehens war entschieden größer, als von Namy´slak erinnert“, so Hoffmann. Bis zu der etappenweisen Auflösung des Kommandos standen sechs Rückführungen nach Dachau mit insgesamt 30 Häftlingen im Zeitraum vom 4. Juni bis 16. Oktober 1942 auch entsprechende Zuweisungen gegenüber, sodass die Stärke des Kommandos im Prinzip gleich blieb. Zumeist lief beides parallel, also unter demselben Datum, wobei die Ausgangsrichtung der Transporte zwischen Heidenheim und dem Stammlager gewechselt zu haben scheint. „In Heidenheim waren aber nicht 80, sondern nur 78 Dachauer, denn zweimal kam es vor, dass ein Häftling nach Abzug noch einmal nach Heidenheim zurückgebracht wurde“, so Hoffmann. Bei Häftling Richard Oblicki war das am 24. Juli 1942, sogar am selben Tag passiert – warum auch immer.

Zählfehler: 78 statt 157 Häftlinge
Die Zahl von 157 Häftlingen, die der ITS der Zentralen Stelle in Ludwigsburg 1969 genannt hatte, ist nach Hoffmanns Erkenntnissen viel zu hoch. „Sie dürfte sich daraus erklären, dass ein Sachbearbeiter intelligenterweise sämtliche Namen auf den Listen einfach durchzählte, ohne zwischen Zuweisung und Rückführung zu unterscheiden“, so Hoffmann Nur einmal, eben bei Oblicki, fiel ihm die Doppelung auf. Über die gesamte Dauer der Außenstelle befanden sich nur 17 der 78 (bzw. 27, wenn man den 29. Oktober 1942 noch gelten lässt) Häftlinge in Heidenheim. Unter diesen 17 befand sich auch der Maler Berglehner, der sich auf der berühmten Prechtl’schen Wandfliese mit verewigt hatte, die 1980 in einem Kachelofen versteckt gefunden wurde. Hafnermeister Johann Prechtl selbst, von dem die Idee zu dieser „Flaschenpost“ stammte, war schon am 4. Juni 1942 zurückverlegt worden, der Dritte im Bunde, Fliesenleger Weigand, am 24. Juli 1942. Die drei Fachkräfte wurden für die abschließenden Mal- und Hilfsarbeiten in der benachbarten Schlosshau- Siedlung nicht mehr benötigt.

Oft trügte die Erinnerung
Überrascht ist Hoffmann, wie oft die Akten im klaren Widerspruch zu den Erinnerungen der Zeitzeugen stehen: „Am unerklärlichsten ist, wie sehr sich Namy´slak in der nationalen Zusammensetzung des Kommandos getäuscht hat. Ihm zufolge hätte es in ihm neben Hamerˇsak nur noch neun Polen gegeben, alle anderen seien Deutsche gewesen“. Nach den ITS Dokumenten befanden sich aber bereits in der anfänglichen Zusammensetzung 14 Polen, ferner ein Tscheche und ein Franzose, und 1942 kamen im Austausch weitere elf Polen, zwei Tschechen und ein Russe hinzu. Wie kann das sein? „Möglicherweise hätte der eine oder andere nicht als echter Pole, sondern als Volksdeutscher, beispielsweise aus dem Warthegau oder aus dem Sudetenland, empfunden werden können“ mutmaßt Hoffmann. Jedenfalls trugen diese Häftlinge in ihrem roten Winkel aber die zusätzlichen Buchstaben: „P“ für Polen, „T“ für Tschechen und so weiter. Und selbst hinsichtlich der von Namy´slak genannten Landsleute, von denen er „stets im Brustton der Überzeugung redete“ (Hoffmann), ergeben sich eklatante Widersprüche. Bobowski und Sobczak waren nach den Transportlisten überhaupt nicht in Heidenheim, und die drei Polen, die vermeintlich im Frühjahr 1942 im Austausch mit drei anderen Häftlingen gleichzeitig Heidenheim zugewiesen wurden, kamen in Wirklichkeit zu ganz verschiedenen Zeitpunkten – und ein Häftling „Becker“ erscheint in den Listen gar nicht. Ähnliches gilt für die Häftlingskategorien. Nach Namy´slak gab es außer den „Politischen“ und einem „PSV“ (Polizeiliche Sicherungsverwahrung, mit grünem Winkel als Krimineller gekennzeichnet), nur noch einen „AZR“ (Arbeitsscheu Reich, sog. Asozialer mit schwarzem Winkel) und außerdem einen homosexuellen Friseur namens Weber. Der PSV-Häftling findet sich in den Akten: Er hieß Franz Geier und kam erst im Juli 1942 nach Heidenheim. Häftling Alexander Weber war ein nicht weiter gekennzeichneter Schutzhäftling mit „normalem“ roten Winkel – was noch nichts über seine sexuelle Orientierung aussagt. Und tatsächlich gab es fünf AZRs mehr als in Namy´slaks Erinnerung.

Nach 50 Jahren das Lager verwechselt?
Auf welche Weise sich der Zeitzeuge irrte, zeigen andere Akten: Einen Häftling Ganner (den der Capo nach Namy´slak grundsätzlich nur „Gauner“ rief) war nie in Heidenheim – wohl aber in Namy ´slaks nächster Station, dem Außenkommando München-Lebensborn. Über 50 Jahre nach dem Geschehen hatte der Zeitzeuge beide Lager verwechselt. Nicht immer liegen die Zeitzeugen falsch: Beide Capos waren tatsächlich, wie Hamerˇsak angibt, Sudetendeutsche. Der Obercapo hieß Josef Heinzl, von Beruf Zimmermann. In Dachau war er seit dem Oktober 1938, seine Verhaftung stand offensichtlich in unmittelbarem Zusammenhang mit der Besetzung des Sudetenlandes wenige Tage zuvor. Als Vorzugshäftling hatte er die „Genehmigung, eine Uhr zu tragen“. Rätselhaft ist die Identität des Pflegers „Martotschek“ oder „Machatschek“. Er taucht in keiner Liste auf, obschon Zeitzeuge Namy ´slak ihn zu erinnern glaubte. Als Friseur genannt wird auch nicht Alexander Weber, sondern ein Pole namens Stanislaus Szelin, der dem Kommando freilich erst im Juni 1942 zugewiesen wurde. Möglich wäre es demnach, dass Weber, eigentlich Hilfsarbeiter, vorher diese Funktion sozusagen fachfremd erfüllt hatte. Auch allgemeinere Angaben zur Häftlingsstruktur des Kommandos lassen sich jetzt treffen. So betrug das Durchschnittsalter der Häftlinge, bezogen auf das Eröffnungsdatum genau 31 Jahre, wobei die 25 Polen – wohl weniger politische Gegner als willkürlich ausgewählte Opfer – mit einem Durchschnitt von 24,4 Jahren deutlich jünger waren als die 47 Deutschen (Altersschnitt 34,4 Jahre). Acht Häftlinge waren 45 Jahre und älter, der Älteste 57.

Drei Zeugen gegen eine Akte?
Akten vergessen nicht – und dennoch bleiben für Alfred Hoffmann noch einige Ungereimtheiten ungeklärt. So bleibe irritierend, dass nicht nur Namy´slak, sondern unabhängig von ihm auch Hamerˇsak einen Häftling „Becker“ erwähnte, mit dem beide Zeitzeugen detaillierte Erinnerungen verbanden. In den Listen tauchen nur ein „Bauer“ und ein „Berner“ auf. Ebenso rätselhaft ist, dass der Heidenheimer Obercapo in der Erinnerung der Zeitzeugen „Marzassek“ oder „Martoczek“ (Aussage Namy´slak), „Matuschek“ (Aussage Hamerˇsak) oder „Matcazek“ (Aussage Finke) hieß – alles sehr ähnliche Namen – und alle anders als der Name des laut Akten wahren Obercapos Josef Heinzl. Gut passen würden andererseits Heinzls von einem Zeugen 1969 erwähnte, „sehr niedrige“ Nummer. „Heinzl hatte die Dachauer Nummer 100“, so Hoffmann – doch gerade diese runde Zahl hätte sich wohl einprägen müssen. Passen würde auch die Tatsache, dass Heinzl Ende Oktober 1944 entlassen wurde: etwa zur Division Dirlewanger, wie es im letzten Kriegsherbst häufig geschah? „Geschichtliche Aufklärung ist immer ein Prozess, work in progress“, so Hoffmanns Fazit: „Aber im Falle unseres Themas wird man sich, wenn nicht alles trügt, mit den zusammengetragenen Fakten jetzt begnügen und die noch ungelösten Fragen – und viele sind es ja nicht – endgültig offen lassen müssen“.
hr

© Heidenheimer Zeitung / Heidenheimer Neue Presse

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